Berufung Religion
Unter Berufung im religiös-spirituellen Sinn wird das Vernehmen/Verspüren einer inneren Stimme verstanden, die einen zu einer bestimmten Lebensaufgabe drängt. So spricht man von einer Berufung zur Liebe und zum Leben (in Fülle), die im Herzen jedes einzelnen Menschen tief verankert ist.
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Berufung aus religiös-spiritueller Sicht
In diesem Sinn finden sich in den religiösen Schriften nahezu aller Religionen sog. Berufungsgeschichten. Erzählt werden darin meist die Geschichte von Religionsstiftern, Propheten oder Priestern. Da die religiöse Berufung die Antwort auf die Aufforderung, die Nähe Gottes zu erfahren, ist, bleibt sie für Nichtgläubige, die die Existenz Gottes bestreiten, weitgehend unverständlich.[1]
Berufung aus biblischer Sicht
Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament wurden Leute zu einem Dienst berufen. Dabei können aufgrund dieser Berufungsgeschichten folgende Merkmale der Berufung herausgearbeitet werden:
- Die Propheten wurden von Gott berufen, noch bevor sie geboren wurden.
- Gottes Berufungen können ihn nicht gereuen.
- Gott hat nicht zur Unreinheit berufen, sondern zur Heiligung.
Apostel Paulus schreibt über die Berufung der Christen, dass sie zur Freiheit berufen sind, die Freiheit jedoch nicht missverstanden werden solle. Es gehe vielmehr um die Freiheit zur Askese und Nächstenliebe.[2]
Dieses an der prophetischen Berufung orientierte Berufungsverständnis wird von der jüdischen und christlichen, aber prinzipiell auch von der islamischen Tradition geteilt.
Berufung aus römisch-katholischer Sicht
Im christlichen Kontext stehen dabei im Mittelpunkt die Berufung Marias zur Gottesmutter (Verkündigung Jesu durch den Engel Gabriel) und die Berufung der Apostel durch Jesus Christus. Heute wird im Allgemeinen Berufung als Dreischritt[3] aufgefasst:
- Berufung zum “Mensch-Sein”
- Berufung zum “Christ-Sein” (Taufe/Charisma)
- Berufung zum “Jünger-Sein”, zur Christusnachfolge im engeren Sinne (Priester, Diakon, Ordensleben, Vita consecrata)
Insofern christliche Gemeinschaften sich um Christusnachfolge im engeren Sinne (Berufung zu einem Beruf der Kirche) bemühen, spricht man von Berufungspastoral.
Die Kirche sieht Berufung als eine Gnade.
Als Spätberufene bezeichnet man im Bereich der Berufung zum Jünger-Sein jene Kandidaten, die nicht schon während oder sofort nach Beendigung der Schulausbildung ihre Berufung zum Priestertum, Diakonat oder Ordensleben verspürt haben, sondern erst später und deshalb nicht selten in Spätberufenenseminaren die für diese Ämter notwendigen Voraussetzungen nachholen müssen.
Berufung aus protestantischer Sicht
Martin Luther entwickelte seine Vorstellung von Beruf und Berufung vor allem aus der paulinischen Aufforderung “Jeder bleibe in der Berufung, in der er berufen wurde” und räumte jeden Vorrang einer religiösen Berufung vor weltlichen Tätigkeiten aus. Jeder äußere Beruf eines Menschen beruht demnach auf einer inneren Berufung durch Gott und jeder Einzelne erfährt diese Berufung aufgrund ganz besonderer Qualitäten und Fähigkeiten zum Dienst am Nächsten und darin für Gott. Mit Luther gesprochen ist unter diesem Gesichtspunkt die Stallmagd dem Fürsten absolut gleich. Jegliche Berufserfüllung im engeren wie in diesem weiteren Sinn, zum Beispiel auch das ehrenamtliche Wirken, wird von Luther als Gottesdienst verstanden. Damit fällt in der protestantischen Ethik der Anspruch der Kleriker und Ordensleute auf ihr Privileg der religiösen Berufung.[4]
Religiös und kirchliche Berufung aus soziologischer Sicht
Im rein soziologischen Kontext hängt auch die religiöse Berufung eng mit der Berufswahl zusammen. Bereits 1972 verwies der katholische Religionssoziologe und Pastoraltheologe Hermann Steinkamp auf ein distanzierteres Verhältnis zu kirchlich-geistlichen Berufen aufgrund der fortschreitenden „einer Demokratisierung und Säkularisierung des traditionellen ethisch-vocativen Berufsgedankens und der ihm immanenten individuellen Leistungs- und Aufstiegsideologie. … Im modernen Berufs-Bewußtsein ist der klassische kirchliche Beruf ein Un-Beruf.“ Er prognostizierte zutreffend, dass soziologisch gesehen der Spätberufene zum Normallfall einer Berufung im speziellen kirchlichen Sinne sein werde.[5]
Literatur
- Burke O. Long, Falk Wagner: Art. Berufung I. Altes Testament II. Neues Testament III. Dogmatisch. In: Theologische Realenzyklopädie 5 (1980), S. 676-713
- Antier, Yvette und Jean-Jacques: Flucht aus der Welt? Wie Menschen heute im Kloster leben. Fragen an Ordensleute, Freiburg im Breisgau 1982