Bulgaren

Dieser Artikel befasst sich mit der bulgarischen Ethnie; zu bulgarischen Staatsbürgern siehe Bulgarien
Bulgarische Frauen 1586

Die Bulgaren, bulg. българи /bˈəlgari/, sind eine südslawische Ethnie. Sie bildet die Mehrheit der Bevölkerung Bulgariens. Von dessen 7,8 Millionen Einwohnern sind 83,5 % Bulgaren. Etwa ein Viertel bis ein Drittel der heutigen bulgarischen Bevölkerung Bulgariens sind Nachkommen von bulgarischen Flüchtlingen aus Makedonien (makedonische Bulgaren) und Thrakien (→ Thrakische Bulgaren)[1].

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Das bulgarische Sprachgebiet und die angrenzenden Gebiete im Jahr 1912

Spätestens in den Jahren nach 612 siedelten sich die slawischen Vorfahren der Bulgaren im Rahmen der Landnahme der Slawen auf dem Balkan in den oströmischen Provinzen Moesien und Thrakien an. Der Name „Bulgar“ bzw. „Bolgar“ bezeichnete ursprünglich jedoch die im 7. Jahrhundert aus der Schwarzmeersteppe verdrängten, sogenannten Protobulgaren (прабългари), die unter Khan Asparuch und Khan Kuver auf den Balkan einwanderten. Hier errichteten sie nach kriegerischen Auseinandersetzungen unter Zustimmung von Byzanz jeweils unabhängige Khanate: Asparuch 679 das so genannte Erste Bulgarische Reich in der Dobrudscha und Kuver 680 eines im heutigen Makedonien. Sprachlich wurde die dünne Oberschicht der Protobulgaren bald von der slawischsprachigen Mehrheit assimiliert, während das Ethnonym auf alle Untertanen der bulgarischen Khane übertragen wurde, jedoch wird erst nach der Christianisierung der Bulgaren 864 nicht mehr zwischen Bulgaren und Protobulgaren unterschieden. Die Protobulgaren regierten das Donaubulgarische Reich, bis es 1018 unter byzantinische Herrschaft fiel. Gleichzeitig existierte an den oberen Läufen der Wolga das Reich der Wolgabulgaren, dessen turkstämmige Bevölkerung weiterhin als „Bolgaren“ bezeichnet wurden.

Als drittes Element, das im neuen bulgarischen Ethnos aufging, sieht die bulgarische Nationalhistoriographie die Thraker, die seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. im Süden und seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. im Norden der Halbinsel ein einheitliches Siedlungsgebiet hatten und auf die im Wesentlichen die Städte und Handelszentren am Schwarzen Meer zurück gehen. Inwieweit tatsächlich im 7. Jahrhundert noch eine zum großen Teil romanisierte thrakische Bevölkerung neben den nach ihnen eingewanderten Slawen im Herrschaftsgebiet der bulgarischen Khane lebte, ist umstritten. Kritiker sehen diese Darstellung vor allem aus dem Interesse geleitet, eine ethnische Kontinuität zur antiken Bevölkerung der Region herzustellen. Andererseits ist die Zurückdrängung der byzantinischen Herrschaft breit dokumentiert, während die meisten Städte und Siedlungen lange ihre slawischen und thrakischen Namen behielten und Konflikte mit der heimischen Bevölkerung unbekannt sind. Die meisten Wissenschaftler vertreten aber die Meinung, dass die Thraker zum Zeitpunkt der slawischen Ankunft schon längst romanisert, bzw. hellenisiert waren. (Siehe dazu auch den Artikel Jireček-Linie.)

Religion

Rosenpflücker in Bulgarien um 1870

Obwohl schon vor der Gründung des Bulgarenreiches 679 es christliche Gemeinden der romanisierten Thraker, oder unter den Protobulgaren (Khan Kubrat) gab, repräsentierten sie nicht den Großteil der Bevölkerung, die mehrheitlich aus Slawen und Protobulgaren bestand. Slawen und Protobulgaren hatten ihre eigenen heidnischen Götter und Gottheiten - bei den Protobulgaren war die oberste Gottheit der Himmelsgott Tangra und die slawische Mythologie war weitgehend naturreligiös geprägt mit mehreren Hauptgöttern wie Perun, Svarog oder Svarožić. Ob Slawen schon damals den christlichen Glauben angenommen hatten, ist nicht bekannt.

Die Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen verschwanden seit der Christianisierung in der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts. 864 unter Khan Boris I. wurde die Christianisierung des bulgarischen Volkes durch Vertreter des Konstantinopler Patriarchats vollzogen. Das Christentum wurde von ihm zur Staatsreligion erklärt. Die Bulgaren gehören noch heute mehrheitlich dem orthodoxen Christentum an. Die Bulgarisch-Orthodoxe Kirche wurde 927 von dem Byzantinischen Kaiser Romanos I. Lakapenos und dem byzantinischen Senat als autokephale kanonisierte orthodoxe Patriarchat-Kirche anerkannt und zählt somit zu einer der ältesten der Welt. Die im Verhältnis zu den übrigen Slawen frühe Christianisierung unter Kyrill und Method gehört zu den tragenden Momenten der bulgarischen nationalen Identität.

Sprache

Die Bulgaren sprechen die bulgarische Sprache, die zu den südslawischen Sprachen gehört. Diese Sprache weist keine Verwandtschaft mit den nur bruchstückhaft überlieferten, ausgestorbenen Sprachen der Wolgabulgaren und Protobulgaren auf, welche zum oghurischen oder bolgarischen Zweig der Turksprachen gehörten.

Da die Schaffung der slawischen Schriftsprache (u.a. das kyrillische Alphabet) im damaligen Bulgarien ihren Anfang nahm, sehen die Bulgaren das Altkirchenslawische als historische Form ihrer Sprache, das auch “Altbulgarisch” (старобългарски /starobəlgarski/) bezeichnet wird, da die meisten erhaltenen altkirchenslawischen Denkmäler bulgarische Züge haben.

Ethnische Gruppen

Trachten der Tronker

In Bulgarien unterscheidet man, je nach geographische Region folgende ethnische Gruppen:

Weitere kleinere Gruppen stellen z.B. die Tronken im Strandscha-Gebirge, die Poljaner, oder die Kapanzer im Ludogorie dar.

Eine eigene Ethnie bilden die ebenfalls Bulgarisch sprechenden muslimischen Pomaken.

Bulgaren in anderen Staaten der Welt

Bulgaren im Pannonischen Raum

Bulgarische Siedlungen im Banat

Die Bulgaren siedelten im Becken der Karpaten in mehreren Wellen. Die ersten Bulgaren kamen im 7. Jahrhundert in die Banat-Region in der Pannonischen Tiefebene, die heute zwischen Rumänien und der Vojvodina in Serbien aufgeteilt ist. Diese katholischen Bulgaren entwickelten eine neue Schriftform des Bulgarischen mit lateinischen Buchstaben. Heute leben laut den Volkszählungsergebnissen aus 2002 6.468 Bulgaren im rumänischen Teil Banats und sowie 1.658 Bulgaren in der Vojvodina.

Die größte Einwanderungswelle von Bulgaren nach Ungarn kam am Ende des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 95 % der insgesamt 7.000 Einwanderer kamen aus der Veliko-Tarnovo-Region im Norden des heutigen Bulgariens. Die meisten stammten aus den Dörfern Draganovo und Polikraishte. Die bulgarische Minderheit baute eigene Schulen und Kapellen in mehreren Städten des Landes und eine Bulgarisch-Orthodoxe Kirche in Budapest. Das bulgarische Kulturzentrum in Budapest wurde mit öffentlichen Spenden gebaut. Heute leben 30.000 bis 35.000 Personen bulgarischer Abstammung in Ungarn. Der Großteil von ihnen ist vollkommen assimiliert und sieht sich selbst als Ungarn. Nur 7.000 bis 8.000 sehen sich selbst noch als Bulgaren, die meisten bezeichnen sich gleichzeitig als Bulgaren und Ungarn. Die meisten Bulgaren in Ungarn sprechen besser Ungarisch als Bulgarisch.

Bei Treffen werden die bulgarische Flagge, die ungarische Flagge mit Wappen und die Flagge der Union der Bulgaren in Ungarn, einer kulturellen Organisation, verwendet. Die Vorfahren der Bulgaren, die heute in Ungarn leben, kamen als Gärtner und Marktleute in das Land. Daher zeigt das Wappen der Union einen stilisierten Baum als Symbol der Gärtner. Die Zahl 1914 nennt das Gründungsjahr der Union.[2]

Bulgaren in der ehemaligen Sowjetunion

In Folge der Türkenkriege wanderten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert Bulgaren in das russische Reich ein. Heute leben etwa 373.000 Bulgaren auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. In der Ukraine leben sie vor allem in den Gebieten Odessa, Saporoschje und in geringer Zahl auch in denen von Kirowograd und Nikolajew. In der Republik Moldau lebt mehr als die Hälfte der 76.769 Bulgaren[3] im Rajon Taraclia (wo sie über eine Autonomie verfügen), weitere 11.107 Bulgaren leben im Süden Transnistriens. Kleinere bulgarische Gruppen leben in Kasachstan und im nördlichen Kaukasus. 68,1 % sprechen Bulgarisch.[4]

Sie sind nicht zu verwechseln mit den Wolgabulgaren.

Bulgaren in Serbien

Das traditionelle Konkurrenzverhältnis beider Länder im Wettstreit um die Hegemonie auf der Balkanhalbinsel wurde zum Teil auf dem Rücken der Bulgaren Ostserbiens ausgetragen.

Infolge des Friedensvertrages von Neuilly-sur-Seine nach dem Ersten Weltkrieg gelangten bulgarische Gebiete an Jugoslawien. Die mit den Friedensverträgen von 1919 eingeführten Regelungen zum Minderheitenschutz wurde auf sie nie eingewandt, sie wurden neben den Albanern am stärksten unterdrückt. Da die offizielle Politik Serbiens eine bulgarische Minderheit ausschloss, verfügten sie über keine muttersprachliche Institutionen und Schulen. Bei Volkszählungen wurden sie als Serben registriert. Der starke Assimilationsdruck und große Auswanderungen minderten die Zahl der in Serbien lebenden Bulgaren beträchtlich.

Eine geänderte Minderheitenpolitik fand erst unter Tito-Jugoslawien statt. Die Bulgaren wurden als nationale Minderheit anerkannt und erhielten eine muttersprachliches Schulsystem. In der nachfolgenden Zeit entstanden mehr als 100 Schulen und 2 Gymnasien, eins in Caribrod und Pirot. Von Beginn der achtziger Jahre an führte eine erneute Veränderung der serbischen Minderheitenpolitik zur Schließung der bulgarischen Institutionen. 2008 wurden tausende Auto mit bulgarischen Kennzeichen, von der Polizeibehörde konfisziert[5].

Die bulgarische Minderheit lebt heute in einem der am wenigsten entwickelten Gebiete Serbiens. Nur in der Umgebung von Caribrod ist Industrie vorzufinden, die übrigen bulgarisch bewohnten Gebiete leben ausschließlich von der Landwirtschaft. Bulgaren stellen in der Gemeinde Bosilegrad eine Dreiviertel-Mehrheit, während sie in dem anderen bedeutenden Gebiet um Caribrod rund die Hälfte ausmachen. Politisch sind sie im Demokratischer Bund der Bulgaren (Caribrod) organisiert. Er gibt auch die Zeitschrift Most und das Wochenblatt Bratstvo heraus.

Die Bulgaren Serbiens sprechen einen eigenen Dialekt. Ihre Sprache wird als archaisches Altbulgarisch bezeichnet. Die Mehrheit von ihnen gehören der serbisch-orthodoxen Kirche an, jedoch existiert auch eine große Minderheit, die der bulgarisch-orthodoxen Kirche angehört.

Bulgaren in Mazedonien

Die genaue Zahl der in Mazedonien lebenden Bulgaren ist ungewiss, da sie bei Volkszählungen nicht die Möglichkeit besitzen sich als solche zu Bezeichnen. Seit 1945, als die kommunistische Partei Jugoslawien die Nationsbildung der Mazedonier voran treibt, nahm deren Zahl kontinuierlich ab. Viele von ihnen wurden in der Sozialistische Republik Mazedonien, verfolgt, verhaftet und in den Gefängnissen ermordet.

Obwohl Bulgarien das erste Land war, das die Republik Mazedonien anerkannte, äußern sich immer wieder führenden mazedonische Politiker und Medien populistisch bis nationalistisch gegen den in der Republik lebenden Bulgaren und den Staat Bulgarien. 2009 wurde vom Obersten Mazedonischen Gerichtshof die Organisation der in Mazedonien lebenden Bulgarien - „RADKO“ verboten.

Literatur und Quellen

Einzelnachweise

  1. Ulrich Büchsenschütz: Nationalismus und Demokratie in Bulgarien seit 1989 in Egbert Jahn (Hrsg.): Nationalismus im spät- und postkommunistischen Europa. Band 2: Nationalismus in den Nationalstaaten, Verlag Nomos, 2009, ISBN: 978-3-8329-3921-2, S. 573
  2. Flags of the world: Hungary - Minorities, Bulgarians
  3. Volkszählung 2004
  4. Rudolf A. Mark: Die Völker der ehemaligen Sowjetunion, 1992
  5. dariknews.bg, mediapool.bg, dariknews.bg

Siehe auch

 Wiktionary: Bulgaren – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik

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