Coleman Hawkins

Coleman Hawkins (in der Liste unkorrekt als “Haskins” bezeichnet) aufgenommen im Topeka High School Orchestra, aus dem Jahrbuch 1921.

Coleman „Hawk“ Hawkins (* 21. November 1904 in St. Joseph, Missouri; † 19. Mai 1969 in New York, New York) war ein Jazzmusiker (Tenorsaxophon und Klarinette). Er gilt als „Vater“ des Tenorsaxophonspiels und war neben Lester Young einer der ersten stilbildenden Solisten auf dem Instrument. In seiner von 1922 bis 1969 währenden Karriere spielte er auch immer wieder mit den Avantgardisten ihrer Zeit. Sein Spitzname war Hawk und auch Bean.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Frühe Jahre - 1904-1934

Coleman Hawkins stammte aus einer Mittelschichtfamilie und wuchs im Mittelwesten der USA auf. Seine Mutter spiele Klavier und Orgel; mit vier Jahren brachte sie den jungen Hawkins dazu, Klavierspiel zu lernen; mit sieben Jahren begann er Cello zu spielen und mit neun Jahren bekam er ein C-Melody Saxophon. Seine ersten Auftritte hatte er im Alter von zwölf Jahren bei Schulveranstaltungen in einer Trio-Besetzung mit Piano und Schlagzeug; durch diese Auftritte wurde er bald zu einer lokalen Berühmtheit. Seine Eltern schickten ihn daraufhin zur weiteren musikalischen Ausbildung nach Topeka (Kansas); dort traf er mit dem Pianisten Jesse Stone und seinen Blue Serenaders zusammen und gehörte der Band einige Monate an. Deren Musik war ein Territory Jazz mit einem lockeren Two-Beat-Rhythmus.[1]

Ab 1921 war er als Musiker in Kansas City aktiv; im April nahm die Vaudeville-Sängerin Mamie Smith den Siebzehnjährigen in ihre Begleitband Jazz Hounds auf und konnte seine Eltern überreden, ihn mit ihr auf Tournee gehen zu lassen. Hawk spielte Blues und New Orleans Jazz wie King Oliver und Louis Armstrong. Sein damaliger Kollege Garvin Bushell erinnerte sich, dass Hawk vor allem deshalb in die Band geholt wurde, weil er Noten lesen konnte; „er war auf diesem Instrument in allem weiter, als ich je gesehen hatte … Er konnte alles lesen und irrte sich in keiner einzigen Note … Und er spielte sein Saxophon nicht, als sei es eine Trompete oder Klarinette, wie es damals üblich war. Er spielte auf den Akkorden, weil er als Kind Klavier gespielt hatte.“[2]

Anfang Mai 1922 gastierten sie für Schallplatten-Aufnahmen in New York City („Mean Daddy Blues“); in dieser Zeit gab er auch Einlagen mit dem Cello. Inzwischen war er zum Star und zur Attraktion der Band geworden, bekam aber nur wenige solistische Freiräume, was ihn dann ermutigte, in New York zu bleiben. Dort bekam er Jobs in den Bands von Ralph Jones und Cecil Smith, bis er im angesehenen Orchester von Wilbur Swaetman landete. Dort hörte ihn Fletcher Henderson, der ihn 1924 in seine Band holte. Zunächst war er aber nur bei einigen Plattenaufnahmen anwesend, wie bei „Dicty Blues“ am 9. August 1923.

Fest zur Band gehörte er erst, als diese ein Engagement im Club Alabam bekam. Schließlich war es der Roseland Ballroom, wo er ab September 1924 an der Seite von Don Redman und Louis Armstrong zum führenden Solisten aufstieg und seinen eigenen Stil entwickelte (wie in „The Stampede“ 1926 und dem Hit „Queer Notions“ 1933). In diese Zeit fiel seine erste Ehe mit einer Tänzerin namens Gertrude, die er noch aus seiner Zeit mit Mamie Smith kannte. 1929 ließen sich die beiden wieder scheiden.

„Spätestens ab 1929 war Hawkins´ Ruf als bester Tenorsaxophonist durch die Platten und Auftritte mit Fletcher Henderson unumstritten, und sein Einfluss auf andere Saxophonisten, nicht nur Tenorsaxophonisten, war überwältigend“, schrieb sein Biograph Teddy Doering.[3] So wurde Hawk immer häufiger zu Aufnahmen anderer Bandleader oder Produzenten herangezogen, so bei den Little Chocolate Dandies im September 1929, kurz darauf bei den McKinney´s Cotton Pickers und mit Red McKenzies Mound City Blue Blowers, mit denen er „If I Could Be with You“ einspielte. Ende 1930 wechselte die Henderson-Band vom Roseland zu Connie’s Inn, einem Kellerclub mit hohem Ansehen, aus dem auch Auftritte im Radio ausgestrahlt wurden. Ein Höhepunkt in Hawks Werk bei Henderson „It’s the Talk of the Town“ von 1932, nach Joachim-Ernst Berendt wahrscheinlich die erste große Solo-Balladen-Interpretation der Jazzgeschichte.[4] Am 29. September entstanden Hawks erste Einspielungen unter eigenem Namen mit dem Engländer Spike Hughes, durch den er erfuhr, wie hoch sein Ansehen in Europa sei. Zuvor hatte er einen soeben aus Europa zurückgekehrten Kollegen reden gehört, wie gut die Arbeitsbedingungen für Musiker seien, besonders für Schwarze. Umgehend schickte er ein Telegramm an Jack Hylton, den „englischen Paul Whiteman, in dem nur stand: „Ich möchte nach England kommen.“[5]

In Europa - 1934-1939

Jack Hylton

Hylton antwortete schon am nächsten Tag; er nahm Urlaub bei Fletcher Henderson, weil er glaubte, nur ein oder zwei Monate bleiben zu können, um dann letztendlich bis 1939 in Europa zu bleiben. Er verließ New York am 30. März und spielte nach seiner Ankunft in London zunächst in Jack Hyltons großem Orchester wie auch in dem kleineren Ensemble, das von seiner Frau Ennis geleitet wurde; an Weihnachten 1934 kam Hawk erstmals nach Paris. Im Anschluss waren einige Auftritte in Deutschland geplant, doch das Nazi-Regime verbot dem Schwarzen Hawkins die Einreise. Hyton ließ Hawk in Holland zurück, wo dieser mit Theo Uden Masman und seinen Ramblers spielte. Die Zusammenarbeit mit den Ramblers gipfelte in drei Aufnahmesitzungen, im Februar und August 1935 („I Wanna Go Back to Harlem“). Schon nach der ersten Session beschloss Hawk, nicht mit Hylton nach England zurückzukehren; ihn lockte Paris. Im Februar trat er bei einem Konzert mit französischen Musikern im Salle Pleyel auf, das der Hot Club de France organisiert hatte. Im März nahm er mit dem Orchester von Michel Warlop auf; mit dabei die Stars des Quintette du Hot Club de France, Django Reinhardt und Stéphane Grappelli. Anschließend ging Hawk auf eine ausgedehnte Skandinavien-Tournee, wo er begeistert gefeiert wurde. Nach einem längeren Aufenthalt in der Schweiz[6] fanden am 28. April 1937 seine berühmte Aufnahmen mit Benny Carter, Reinhardt und Grappelli in Paris statt, wo Honeysuckle Rose und Crazy Rhythm) eingespielt wurden.

Das Jahr 1938 verbrachte Hawk vorwiegend in den Niederlanden, wo er u.a. im Negro Palace in Amsterdam spielte, und in Belgien; dort spielte er in Namur in der Band seines Landsmannes Arthur Briggs. Er versuchte eine Arbeitserlaubnis für England zu bekommen, die ihm jedoch verweigert wurde. Mit einem Trick gelang es seinen Fans, Hawk ins Land zu holen: der Saxophon-Hersteller Selmer organisierte eine Tournee, durch Großbritannien, bei der Hawkins nur für Musiker spielen sollte, die der „Schulung“ dienen sollten. Darauf hatten die Gewerkschaften keinen Einfluss; und Hawk ging im März/April auf England-Tournee. Danach wollte er eigentlich nach Holland zurückkehren; die angespannte politische Lage in Europa bewog ihn zur Rückkehr in die Vereinigten Staaten. Es kam noch zu einigen Auftritten in England, erneut mit Hylton; Hawk wurde als „Variety-Künstler“ angekündigt. Die letzten Vorkriegsaufnahmen entstanden Ende Mai mit dem Hylton-Orchester; dann kehrte er Anfang Juli nach Holland zurück und war am 31. Juli wieder in New York.

Swing Combos, Body and Soul und Bebop - 1939-1945

In den vergangenen fünf Jahren seiner Abwesenheit hatte sich die Szene verändert; neue Saxophonisten wie Chu Berry und Ben Webster (diese hatten hintereinander Hawks Platz bei Henderson eingenommen) hatten sich Achtung verschafft; und es war besonders Lester Young, der nun nicht mehr die Konkurrenz seines Rivalen Herschel Evans fürchten musste, da dieser einige Monate zuvor verstorben war. In diese Situation kam Coleman Hawkins zurück; und seine Rückkehr machte sofort die Runde. Lester Young trat gerade mit Billie Holiday auf, als Hawk hereintrat; Rex Stewart berichtete von diesem Moment: „Bean marschierte herein, packte sein Instrument aus und spielte zu jedermanns Überraschung mit ihnen.“[7]

Konzertankündigung für Coleman Hawkins

Schon vor seiner Abreise in die USA hatte Coleman Hawkins seine künftigen Arbeitsmöglichkeiten abgeklärt; er hatte die Option, mit eigener Band in Kelly’s Stable (141 West(51st Street) aufzutreten. Da seine Wunschmusiker wie Red Allen, Benny Carter, Roy Eldridge, John Kirby oder Teddy Wilson in anderen Bands erfolgreich arbeiteten, stellte er ein achtköpfiges Ensemble mit jungen Musikern und der Sängerin Thelma Carpenter zusammen. Mit seiner Band trat er dann im Arkadia auf, einem Tanzlokal am Broadway. Am 11. Oktober ging die Band ins Studio, um vier Titel einzuspielen.

Dabei entstand sein berühmtestes Stück Body and Soul[8] und er feierte ein großes Comeback (Down Beat zeichnete ihn als Tenorsaxophonist des Jahres aus), nachdem er während seiner Europa-Zeit etwas von Tenoristen wie Lester Young in den Hintergrund gedrängt war. Im Februar 1941 endete das Engagemnt in Kelly’s Stable; der Impresario Joe Glaser fand schließlich eine Auftrittsmöglichkeit in Dave’s Swingland in Chicago. Dort leitete er eine Band u.a. mit Darnell Howard und Omer Simeon; es entstanden aber bis 1943 keine Plattenaufnahmen. Während einer Tournee in Indianapolis vom Kriegseintritt der USA überrascht, merkte er bald, dass sich die Arbeitsmöglichkeit immens verschlechterten und kehrte mit seiner zweiten Frau Dolores Sheridan, die er in Chicago geheiratat hatte, nach New York zurück. Dort trat er am 24. Dezember erneut in Kelly’s Stable mit einem neuen Sextett auf, zu dem auch Kenny Clarke und Ike Quebec gehörte. Nach langer Abwesenheit von den Aufnahmestudios, auch bedingt durch den Schallplattenstreik, wirkte er bei einer von Leonard Feather für Commodore organisierten Session der Poll-Gewinner des Magazins Esquire mit; Hawks Mitspieler waren u.a. Art Tatum, Oscar Pettiford und Cootie Williams.

Dizzy Gillespie im Dezember 1955, Fotograf Carl van Vechten

Der junge Bassist Oscar Pettiford, der Hawk stark mit seinen kühnen harmonischen Ideen beeindruckte, war auch bei seinen nächsten Sessions mit Eddie Heywood bzw. Ellis Larkins und Shelly Manne im Dezember 1943 dabei, die erste Bebop-Anklänge erkennen ließen („Voodte“ und „The Man I Love“). In einer All-Star-Formation u.a.  mit Armstrong, Eldridge, Jack Teagarden, Lionel Hampton, Red Norvo und Billie Holiday trat Hawk am 18. Januar 1944 bem legendären Konzert in der Metropolitan Opera auf.

Im Februar 1944 kam es zur Begegnung mit dem Bop-Trompeter Dizzy Gillespie, dessen Titel „Woody’n You“ Hawk daraufhin einspielte, mit dabei Don Byas, Clyde Hart und Max Roach; der Titel gilt als eine der frühesten Aufnahmen des kommenden Bebop. Dann holte Hawk Mitte 1944 Thelonious Monk, dessen progessiven Ideen er schätzte, für eine Tournee in sein Quartett. Danach spielte das Quartett im Downbeat Club; eine Aufnahmesession fand am 19. Oktober statt („On the Bean“/„Flyin´ Hawk“); dies waren Thelonious Monks erste Studioaufnahmen.

Coleman Hawkins arbeitete aber auch weiterhin mit den „Traditionalisten“ zusammen, wie mit Eldridge, Ben Webster, Earl Hines, Teddy Wilson und Cozy Cole oder mit weißen Musikern um George Wettling und Jack Teagarden. Ende 1944 nahm er - allerdings ohne Monk, der New York nicht verlassen wollte - ein Engagement in Los Angeles an; auf Pettifords Empfehlung kam der Trompeter Howard McGhee in die Gruppe; am Klavier saß Sir Charles Thompson. Nach Auftritten in Buffalo, Detroit und Chicago begannen sie am 1. Februar 1945 in Billy Berg’s Club in der Vine Street; damit war Hawk und seine Musiker die ersten, die den neuen Bebop an die Westküste der USA brachten, noch vor Dizzy Gillespie und Charlie Parker, die dort Ende des Jahres auftreten sollten.

Die Nachkriegszeit - 1945-1959

Charlie Parker spielte im New Yorker Spotlite und hatte sich inzwischen durchgesetzt; Hawk hörte ihm dort mit Interesse zu. Im April und Mai 1946 nahm er mit ihm sowie Lester Young, Buck Clayton, Buch Rich und anderen an einer ausgedehnten Jazz at the Philharmonic-Tournee teil; interessant war für die Zuhörer vor allem das Aufeinandertreffen von Hawk und Prez. 1946 nahm er noch zusammen mit J. J. Johnson und Fats Navarro einige Balladen auf. Im Mai 1947 kehrte Hawk nach New York zurück und spielte eine zeitlang im Three Deuces; im Juni `47 spielten Miles Davis, Hank Jones und Kai Winding in Hawks All-Stars-Formation (Bean A Re-Bop). 1948 nahm er seine Solo-Improvisation „Picasso“ ein, eine „Body and Soul“-Variante, die erste unbegleitete Saxophon-Soloaufnahme im Jazz; die Idee zum Titel stammte von Norman Granz.[9]

Angesichts der schwierigen Arbeitsmöglichkeiten war Hawk froh, zum ersten Jazzfestival in Paris im Marigny-Theater und weiteren Konzerten eingeladen zu werden. Dort spielte er mit Howard McGhee, Erroll Garner, John Lewis und Kenny Clarke, der dann in Paris bleiben sollte. Zurück in den USA arbeitete er meist freelance; doch es drängte ihn nach einer erneuten JATP-Tournee und zurücklassendem Interesse des Publikums, wieder in Europa zu arbeiten. In Paris stellte er eine Formation für eine Tournee nach London und Brüssel zusammen, zu der Clarke und James Moody gehörten. Wieder in Paris, nahm er mit Clarke und Pierre Michelot für VogueSophisticated Lady“ auf.

Zeitweise hatte er Alkoholprobleme, da er an Depressionen erkrankt war; außerdem litt er darunter von manchen Kritikern als „veraltet“ abgestempelt zu werden. Mit dem Rückgang des Bebop-Welle stieg sein Stern im Zuge des zunehmenden Interesses am Mainstream Jazz wieder. Zudem wurde er von den jungen Kollegen der Bop-Szene bewundert; Ende 1950 bildete er eine kurzlebige Formation mit Kenny Drew, Tommy Potter und Art Taylor, die es als Ehre betrachteten, mit Hawk zu spielen. Im Herbst `51 konnte er einen Plattenvertrag mit Decca abschließen; die Aufnahmen waren jedoch wenig befriedigend, da die Firma von im eingängige Versionen von Popsongs mit Streichern erwartete. 1953 verlängerte er daher den Vertrag nicht und spielte in einer Gruppe mit Roy Eldridge, zu der auch Art Blakey und Horace Silver gehörten, mit der allerdings keine Aufnahmen existieren. Bei Savoy erschien eine erste LP;[10] mit Illinois Jacquet tourte er 1954 durch amerikanische Militärstützpunkte in Europa.

Buck Clayton

Im Sommer 1954 wirkte er an Jam Sessions mit, die unter dem Namen von Buck Clayton von Columbia produziert wurden und zu den ersten Langspielplatten gehörten. Hier trafen vor allem Musiker aus dem alten Basie Orchester aufeinander. Auf dem Newport Jazz Festival 1956 wurde Hawk gefeiert. Nach einigen Alben für die Label Jazztone, Coral, Urania, dann für RCA Victor (Hawk in HiFi mit Streichorchester) und Riverside, auf dem im März 1957 The Hawk Flies High entstand, hatte Hawk 1957 Gelegenheit einige Alben für Granz´ neues Label Verve einzuspielen; so sein Duett mit Ben Webste, das auf Coleman Hawkins Encounters Ben Webster erschien, und kurz danach mit dem Oscar Peterson Trio auf dem Album The Genius of Coleman Hawkins. Er nahm zunehmend eine Elder Statesman-Rolle im Jazz ein, stellte sich aber immer wieder Herausforderungen. Seine Offenheit für neuere Strömungen hat er in Aufnahmen mit Max Roach und Sonny Rollins demonstriert, mit denen er die Freedom Now Suite aufnahm; dann wirkte er an der Seite von John Coltrane an Monks Album Monk’s Music mit und spielte mit Eric Dolphy in der Begleitband von Abbey Lincoln. Am Ende des Jahres war er an der legendären TV-Produktion The Sound of Jazz beteiligt, wo er bei „Fine and Mellow“ ein letztes Mal mit Lester Young zusammentrifft. Daneben spielte er Mitte der 50er meist im Metropole und in der 7th Avenue beim Times Square ohne feste Formation und wirkte an Aufnahmesessions von J. J. Johnson, Charlie Shavers, Red Allen und Cootie William/Rex Stewart mit.

Schon 1958 begann Hawk Platten für das Label Prestige einzuspielen, beginnend mit dem gemeinsam mit Tiny Grimes geleiteten Swingtet, mit dem Bluesgroove entstand; es folgten Alben wie Soul, Hawk Eyes, At Ease und Night Hawk mit wechselnden Begleitbands, in denen Hawk auf die junge Hardbopgereration traf, wie Ray Bryant, Ron Carter, Kenny Burrell, Tommy Flanagan und Red Garland. Musikalisch nahm Hawk in dieser Phase Anklänge von Soul, Rhythm and Blues und Hardbop hinzu; sein breiter, vibratoreicher Tenorklang war nun wieder gefragt.

Unmittelbar vor Lester Youngs Tod, seinem langjährigen Rivalen, als dieser nach jahrelangem, fast ununterbrochenem Alkohol- und Marihuana-Genuss nur noch ein Schatten seiner selbst war, hatte der Mann, der ihm vorausging, noch immer seine alte, unzerstörbare Vitalität und Kraft, so Joachim-Ernst Behrendt.[11]

Die letzten Jahre - 1960-1969

Benny Carter

Im April 1960 trat er in Essen mit Pettiford, Kenny Clarke und Bud Powell auf; 1960/61 kam es zu einer „Reunion“ mit Benny Carter; zunächst auf Hawks eigenem Album Bean Stalkin´, dann mit Carters Impulse-Album Further Definitions, einem „remake“ ihrer legendären Paris-Session von 1937 mit Grappelli und Django Reinhardt. 1962 tourte er mit Duke Ellington, 1963 lieferte er sich in Newport ein Duell mit Sonny Rollins und 1963/1964 war er wieder mit Jazz at the Philharmonic auf Tour; ansonsten spielte er im Village Gate mit seiner neuen Begleitband aus Flanagan, Major Holley und Eddie Locke.

Eine neue Krise entstand, als er sich als 60-Jähriger mit drei Kindern in eine 20-Jährige verliebte, die ihn aber bald wieder verließ; noch stärkere Depressionen und Alkoholexzesse folgten; er aß dabei nur wenig. 1964 wurden die Auftritte seltener; Anfang 1965 trat er im Five Spot mit Locke, Barry Harris und Buddy Catlett auf. Der hohe Alkoholkonsum hatte zur Folge, dass sich Hawk auch äußerlich veränderte: „Der einst so gepflegte Mann hörte auf sich zu rasieren und zum Friseur zu gehen“.[12]

1966 holte ihn Norman Granz noch einmal zu Jazz at the Philharmonic (Solo September Song). Obwohl die Tournee zu den geglückteren Momenten seiner späten Jahre gehörte, waren die Zeichen des Verfalls unübersehbar: Nachdem er im selben Jahr in Oakland auf der Bühne kollabierte, musste er ins Krankenhaus. Er erholte sich noch einmal, machte aber auf der Europa-Tour 1967 mit Oscar Petersons Trio einen so deprimierenden Eindruck, dass Ralph Gleason sogar vermutete, er wolle sterben. In Barcelona wurde er ausgebuht; während das Londoner Publikum einen passabel spielenden Hawk erleben durfte. Am 13. Februar entstanden bei einer Dänemark-Tournee seine letzten Aufnahmen für Storyville mit Kenny Drew und NHOP, die ihn noch einmal in überraschend guter Form zeigten; „ein passender Abschluss nach einer so langen Aufnahmekarriere“, so Teddy Doering.

Barry Harris

Im Januar 1969 verstarb seine Mutter im Alter von 96 Jahren, was ihn noch tiefer in die Depression fallen ließ. Den Rest des Winters verbrachte Hawk meist in seinem New Yorker Appartement; aber im März spielte er im Fillmore East; in Chicago kam es anlässlich einer Fernseh-Produktion zu einem letzten Treffen mit Roy Eldridge und Barry Harris. Nach seiner Rückkehr kam es zum völligen Zusammenbruch; diagnostiziert wurde eine bronchiale Lungenentzündung und eine allgemeine Schwäche durch Unterernährung. Barry Harris sorgte für seine Einlieferung in das Wickersham Hospital, wo ihn einige wenige Freunde noch besuchten, Monk, die Baroness Nica und der „Jazzpfarrer“ John Garcia Geisel. Er starb dann am 19. Mai 1969. Das noch in Chicago aufgezeichnete Programm wurde im ganzen Land als Gedächtnissendung ausgestrahlt.

Seine Musik und Bedeutung

Coleman Hawkins, der oft als der “Erfinder” des Tenorsaxophon bezeichnet wurde, wehrte sich gegen diese Zuschreibung und erwähnte frühe Saxophonisten wie Happy Cauldwell in Chicago oder Stomp Evans aus Kansas City. „Wenn er nicht der erste war, der Saxophon gespielt hat, so war er doch der erste, der seine vielen Möglichkeiten entdeckt, seinen Klangcharakter festgelegt und seine Technik perfektioniert hat“, so Arrigo Pollilo über Hawks Leistung, „derjenige, der dem Instrument (und nicht nur dem Tenor, sondern der ganzen Familie der Saxophone) in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre in der Jazzwelt Geltung verschafft hat“.[13]

„Ich spielte sehr laut“, erinnerte sich Hawkins 1967 in einem Downbeat-Interview, „und benutzte ein sehr hartes Rohrblatt, weil ich versuchen musste, meine Soli über sieben oder acht gleichzeitig spielenden Blasinstrumenten durchzuführen. Meine Klangfülle hat sich so entwickelt, während ich diese Rohrblätter ausprobierte und im Laufe des Abends immer wieder die Mundstücke wechselte. Ich musste es mit Leuten wie Armstrong, Charlie Green, Buster Bailey und Jimmy Harrison aufnehmen.“[14] Pollilo schrieb weiter: „Die erste Platte, auf der Hawkins zeigte, dass er inzwischen die volle Meisterschaft auf seinem Instrument und einen persönlichen Stil entwickelt hatte, ist The Stampede von 1926. Diese (frühe) Aufnahme bildete für alle Saxophonisten ihrer Zeit ein Vergleichskriterium.“[13] Nach Ansicht von Martin Kunzler leitete diese Platte „den Siegeszug eines Instruments ein, das zuvor im Jazz ein nicht minder kümmerliches Dasein geführt hatte“.[15] „Er war der Erste, der es wirklich als Instrument spielte“, so Ronnie Scott.[16]

„Sein früher Stil war noch von der Klarinetten-Spielweise des Instruments beeinflusst“, so Carlo Bohländer; „in den dreißiger Jahren war seine Akkordmelodik in zunehmenden Maße durch harmonische Erweiterungen, punktierte Achtelnotenbewegung und Legato-Artikation gekennzeichnet. Seine reiche Erfindungsgabe ließ ihn Phrasen immer wieder fortspinnen und ohne Ruhepunkte aneinanderreihen.[17] So war es die eher unbeabsichtigte Aufnahme von Body and Soul, die Hawks Position endgültig festigte; „zur großen Überraschung von Hawk wurde es dann seine berühmteste und meistverkaufte Aufnahme und gilt als ein immer wieder zitiertes Beispiel für Jazzimprovisation.“[18]

Es waren die Aufnahmen von 1939 und der frühen vierziger Jahre, die den Kern seiner Schaffens ausmachen: „When Lights are Low“, 1939 in einer Session mit Lionel Hampton entstanden, dann „Sweet Lorraine“ und „The Man I Love“ von 1943 mit Eddie Heywood, Oscar Pettiford und Shelly Manne. Seinen Rang im aufstrebenden Bebop zeigen seine Sessions für das Label Apollo im Februar 1944, als der Saxophonist mit kleinen Combos auf der 52nd Street arbeitete. Er war einer der allerersten Msuker seiner Generation, die dem Bop Respekt und Vertrauen entgegenbrachten und „setzte sich für deren Aufnahmen ein, die ein neues Kapitel in der Geschichte des Jazz eröffnen sollten“.[19] Obwohl er selbst diese neue musikalische Ausdrucksweise nicht kannte, nahm er mit Pettiford, Dizzy Gillespie und Max Roach Titel wie „Rainbow Mist“, „Yesterdays“ und die Bebop-Nummern „Woody’n You“, „Disorder at the Border“ und „Bu Dee Dah“ auf, die ihm den Respekt der damaligen Avantgarde-Musiker einbrachten.

Hawkins zeichnete „ein runder, voller,vibratoreicher und expressiver Ton aus,“ so Carlo Bohländer.[20] Martin Kunzler hebt die Autorität seines Spiels, das Vibrato, die rhapsodierende Grundhaltung, seine gewaltige Motorik in schnellen Zügen und und die romantische Dinension seines Balladen-Interpretation hervor.[21] Der Autor zitiert Miles Davis mit den Worten: Indem ich Hawk hörte, habe ich Balladen spielen gelernt. Paul Gonsalves betrachtete Hawkins „als eine der größten Musikerpersönlichkeiten des Jahrhunderts, die ihren persönlichen Stil nie zur Masche haben werden lassen.“[22]

Bedeutende Einspielungen

  • 1923 - Dicty Blues (Fletcher Henderson Orchestra)
  • 1929 - The Stampede (Fletcher Henderson Orchestra)
  • 1929 - Hello Lola, One Hour (Mound City Blue Blowers)
  • 1933 - Jamaica Shout - (1. Session von Coleman Hawkins and His Orchestra)
  • 1935 - I Wish I Were Twins - (Coleman Hawkins acc. by The Rambles)
  • 1937 - Honeysuckle Rose,Crazy Rhythm, Out od Nowhere, Sweet Georgia Brown (Coleman Hawkins All-Star Jam band, Paris)
  • 1939 - When Lights Are Low (Lionel Ampton and His Orchestra)
  • 1939 - Body and Soul - (Coleman Hawkins and His Orchestra)
  • 1943 - The Man I Love - (Coleman Hawkins Quintet, mit E.Heywood und O. Pettiford)
  • 1948 - Picasso (C. H. solo)
  • 1957 - Blues for Yolande (C.H., Ben Webster und Oscar Peterson)

Diskografie (Auswahl)

  • 1929 (Das frühe Werk der 78-er Schallplatten-Ära von 1929 bis 1950 ist umfassend auf der Classics-Reihe dokumentiert.)
  • 1939 Body And Soul (Bluebird)
  • 1944 The Complete Coleman Hawkins (Mercury)
  • 1946 Bird And Pres - The ‘46 Concerts Jazz At The Philharmonic
  • 1951 Body And Soul Revisited (Decca/GRP)
  • 1955 The Stanley Dance Sessions (Lonehill Jazz, 1955-58)
  • 1956 The Hawk in Hi-Fi (Bluebird)
  • 1957 The Genius of Coleman Hawkins (Verve)
  • 1957 At The Opera House (Verve)
  • 1957 The Hawk Flies High (Prestige/OJC)
  • 1958 Soul (Prestige/OJC)
  • 1959 Coleman Hawkins Encounters Ben Webster (Verve)
  • 1960 At Ease with Coleman Hawkins, Night Hawk (Prestige/OJC)
  • 1961 The Hawk Relaxes (Prestige/OJC)
  • 1962 Verve Jazz Masters 34 (Verve, guter Überblick über das Schaffen auf dem Clef-Label 1944-62)
  • 1962 Today And Now, Desafinado (Impulse!)
  • 1966 Supreme (Enja)

Auf der bei Riverside erschienen Doppel-LP Coleman Hawkins - a documentary erzählt er aus seinem Leben.

Literatur

  • Teddy Doering: Coleman Hawkins. Sein Leben, seine Musik, seine Schallplatten. Oreos, Waakirchen 2001, ISBN 3-923657-61-7
  • Interview mit Nat Hentoff in: Down Beat, November 1956
  • Scott Knowles DeVeaux: Jazz in transition. Coleman Hawkins and Howard McGhee, 1935 - 1945. University Microfilms International, Ann Arbor, MI., Berkeley, Univ., Dissertation
  • Burnett James: Coleman Hawkins. 1984, mit Diskographie
  • Hoefer in Down Beat, Oktober 1967
  • Martin Kunzler: Jazzlexikon. Rowohlt, Reinbek 2002 (2. Aufl.), ISBN 3-499-16512-0 Bd. 1; ISBN 3-499-16317-9 Bd. 2
  • Albert J. Mac Carthy: Coleman Hawkins. Cassell, London 1963
  • Richard Morton & Brian Cook: The Penguin Guide To Jazz On CD. Sixth Edition, London, Penguin, ISBN 0-14-051521-6
  • Arrigo Polillo: Jazz. Die neue Enzyklopädie. Schott, Mainz 2007, 768 S., ISBN 3-254-08368-7

 Commons: Coleman Hawkins – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen und Anmerkungen

  1. Hinweise zu den frühen Jahren bei Doering, S. 11 f.
  2. Garvin Bushell, zit. Nat Hentoffs Artikel Garvin Bushell and New York Jazz in the 1920s. „The Jazz Review“ vom Februar 1959, nach Polillo. S.396.
  3. Zit. Doering, S.27.
  4. Berendt, S. 118.
  5. Zit. nach Polillo, S. 397.
  6. Dort kam es im Mai 1936 zu einer Session mit Ernst Höllerhagen und den Berries in Zürich, bei der Hawk als Vokalist zu hören ist; vgl. Doering, S. 132.
  7. Zit.nach Polillo, S. 399.
  8. zu seiner ersten Body and Soul-Aufnahme, siehe: Down Beat, Januar 1955
  9. Der Vorläufer für Picasso war das Tenorsaxophon-Solo Hawk Variations, das Hawkins im Januar 1945 einspielte; es erschien zunächst nur in Europa auf dem dänischen Baronet-Label.
  10. 1954 entstand auf Savoy Records éine erste LP unter Hawks Namen, die jedoch kein geschlossenes Album ist, sondern eine Ansammlung von älteren und jüngeren Session in teilweise katastrophaler Klangqualität; vgl. Doering, S. 168.
  11. Zit. nach ´Huismann/Behrendt, S. 118
  12. Zit. Doering, S. 63.
  13. a b Zit. nach Polillo S. S. 395
  14. Hawkins im Downbeat im Oktober 1967, zit. nach Polillo, S, 396
  15. Zit. nach Kunzler, S. 492.
  16. Zit.nach Kunzler, S. 492.
  17. Zit. nach Bohländer, S. 275.
  18. Polillo, S. 400.
  19. Vgl. Polillo, S. 400 f.
  20. Bohländer, S. 275
  21. Zit. nach Kunzler, S. 403.
  22. Zit. nach Kunzler, S. 493.
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