Corvey
| Corvey | |
|---|---|
| Wappen | |
| Alternativnamen | Stift Corvey |
| Staatsoberhaupt | Abt |
| Heutige Region/en | DE-NW |
| Reichstag | Virilstimme |
| Reichskreis | Niederrheinisch-Westfälischer Reichskreis |
| Hauptstädte/Residenzen | Corvey |
| Konfession/Religionen | römisch-katholisch |
| Sprache/n | Deutsch, Niederdeutsch, Lateinisch |
| Fläche | 275 km² |
| Einwohner | 10.000 |
Corvey (veraltet auch Korvey) ist eine ehemalige reichsunmittelbare Benediktinerabtei in Höxter im heutigen Nordrhein-Westfalen. Corvey war eines der bedeutendsten karolingischen Klöster, es verfügte über eine der wertvollsten Bibliotheken des Landes und zahlreiche Bischöfe gingen aus der Abtei hervor. Eine kulturelle Blütezeit erlebte das Kloster im 9. und 10. Jahrhundert. Nach einer Phase der Krise wurde Corvey im 11. Jahrhundert zu einem Reformkloster. Später baute es ein geschlossenes Territorium auf, verlor aber im Spätmittelalter an Bedeutung. In Teilen des zum Kloster gehörenden Gebietes konnte die Reformation teilweise Fuß fassen. Corvey gehörte in der Frühen Neuzeit zum Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis. Der Abt verfügte über eine Virilstimme im Reichsfürstenrat. Die Folgen des dreißigjährigen Krieges waren existenzbedrohend. Seit dem späten 17. Jahrhundert und im frühen 18. Jahrhundert erfolgte ein Wiederaufschwung. In der Folgezeit verlor die Abtei wieder an Bedeutung und Anziehungskraft. Im Jahr 1792 wurde das Kloster daher auf eigenes Bestreben säkularisiert und in ein Bistum umgewandelt. Bereits 1803 wurde dieses wieder vom Reichsdeputationshauptschluss aufgehoben. Nach verschiedenen Zwischenstufen kamen der Besitz an das Haus Ratibor und Corvey aus dem Haus Hohenlohe.
Inhaltsverzeichnis |
Geschichte
Gründung
Die Halbbrüder Adalhard Abt von Corbie (Corbeia Aurea) an der Somme und Wala ein Vetter, Karl des Großen, gründeten mit Zustimmung von Ludwig dem Frommen 815 oder 816 als Nova Corbeia (neues Corbie) das erste Kloster im Land der Sachsen in Hethis zunächst als Propstei von Corbie. Dort her kamen auch die ersten Mönchen. Der Konvent verlegte den Sitz im Jahre 822 an die Stelle des heutigen Corvey. Damit lag das Kloster etwas östlich vom Königsgut Huxori (später Höxter). Dieses lag am Übergangs des Hellwegs über die Weser. Im Zusammenhang mit der Übersiedlung wurde der Konvent etwa um die Hälfte durch Mönche aus Fulda erweitert. Gleichzeitig wurde es mit kaiserlicher Unterstützung von Corbie unabhängig, auch wenn Corvey bis 826 noch in Personalunion mit dem Mutterkloster geleitet wurde. Der Kaiser schenkte Corvey 823 den Königshof sowie Reliquien des Heiligen Stephanus. Gleichzeitig wurde Corvey der Besitz aller bisher Corbie eigenen Güter in Sachsen bestätigt. Dem Kloster wurde die Immunität und die freie Abtswahl gewährt. Welche enge Beziehung zwischen Kloster und Königtum bereits in dieser Zeit bestanden zeigt die Tatsache, das Corvey zum unfreiwilligen Aufenthaltsort des in Ungnade gefallenen Hilduin von Saint-Denis wurde. Vor diesem Hintergrund vollzog sich 836 die Translation der Reliquien des Heiligen Vitus aus der Basilika Saint-Denis bei Paris. Dadurch wurde dieser Heiliger zum Stammesheiligen der Sachsen. Später ging auch das Vituspatrozinium der Bischofskirche in Prag auf Corvey zurück. Das den wichtigen Heiligen Stephanus und Vitus geweihte Corvey wurde zum Ziel zahlreicher Pilger. Von der Übertragung berichtet eines der wichtigsten Werke aus der frühen Geschichte Corveys die Translatio sancti Viti.Neben dem benachbarten Stift Herford wurde Covey zu einem Zentrum der frühen Mission in Skandinavien. 823 wurde Ansgar (später Bischof von Hamburg-Bremen) als Lehrer und Prediger vom Mutterkloster Corbie nach Corvey entsandt. Über die Person Ansgars hatte Corvey Anteil an den ersten Missionierungsversuchen in Skandinavien.[1] Der größte Teil der Mönche entstammte dem sächsischen Adel.
Materielle Basis
Durch königliche Güterübertragungen und Schenkungen des sächsischen Adels war Corvey eines der reichsten Klöster im deutschen Raum.
Noch im 14. Jahrhundert verfügte das Kloster über 60 Kirchen. Diese gruppierten sich insbesondere um die Propsteien Gröningen und Obermarsberg, die ehemalige Missionskirche Meppen und Corvey selbst. In deren Nähe lagen zwei kleinere (später aufgegebenen oder verlegte) Propsteien Nienkerken und tom Roden. Hinzu kam das von Corvey gegründete Kloster Schaaken, das unterstellte Kloster Werbe sowie das Kloster Kemnade.
Corvey verfügte auch über umfangreichen Landbesitz. Diesen verdankte es nicht zuletzt königlichen Schenkungen. Dabei kamen Höxter, die Eresburg und Meppen unter Ludwig dem Frommen in den Besitz Corveys. Ludwig der Deutsche schenkte der Abtei Hemeln, Hemmendorf und die Abtei Visbeck, Zehntkirchen im Bistum Osnabrück sowie Weinberge bei Litzig an der Mosel. Lothar I. schenkte dem Kloster auch Rügen und dessen Umland. Allerdings konnte Corvey diesen teilweise bis in die Neuzeit auch durch Fälschung von Urkunden erhobenen Anspruch nie durchsetzen. Kaiserin Judith soll nach der Überlieferung des Klosters ein kostbares Kreuz gestiftet haben. Bis zum Ende der Aufhebung des Klosters wurde alljährlich zum Gedenken daran an die Armen das Judithbrot verteilt.[2]
Schwerpunkte des Grundbesitzes war einmal das Gebiet um Corvey selbst an der oberen Weser. Hinzu kam das sogenannte Corveyer Nordland im Bereich der unteren Ems über die Hase bis zur Hunte, das Gebiet um Marsberg an der Diemel sowie die Besitzungen an der mittleren Leine und im damaligen Ostsachsen um Gröningen. Gegliedert war der Besitz in Villikationen aus mehreren Höfen. Bis ins 17. Jahrhundert konnte Corvey auch die formelle Oberlehnshoheit über die Grafschaft Schwalenberg behaupten,
Bereits 833 hat Corvey das Münzrecht für den Markt der Laiensiedlung Corvey erhalten. Dieses Privileg war das erste seiner Art im ostfränkischen Reich. Anfangs wurden Münzen des Reichstyps geschlagen, die sich daher nicht einzelnen Münzstätten zuweisen lassen. Im Laufe des 11. Jahrhunderts entwickelten sich in Corvey eigene Münztypen. Als erster Abt erscheint Saracho von Rossdorf auf einer Münze. Nicht nur in Corvey selbst sondern auch an anderen Orten hatte die Abtei Münzrecht. Seit 900 hatte es ein solches in Marsberg. Im Jahr 945 folgte Meppen. Im 13. Jahrhundert gab es auch Münzstätten in Volkmarsen und Höxter. Zumindest zeitweise konnte der Erzbischof von Köln in seiner Eigenschaft als Herzog von Westfalen im 13. Jahrhundert Corvey das Münzrecht in Corvey, Marsberg und Volkmarsen streitig machen. Dort kam im 14. Jahrhundert die Prägung ganz zum Erliegen. In Höxter wurden die Prägungen mit verschiedenen Unterbrechungen bis fast zum Ende der Abtei fortgesetzt. Neben Silbermünzen wurden Kupfer- und Goldmünzen geschlagen. Die letzten Prägungen von Kupfermünzen im Wert von 2 und 4 Pfennig erfolgten 1787.[3]
Die Siedlung Corvey entwickelte sich zur Stadt. Diese war der Konkurrenz mit Höxter allerdings nicht gewachsen. Deren Bürger zerstörten zusammen mit dem Bischof von Paderborn 1265 die Stadt Corvey. Diese wurde wieder aufgebaut, sank aber bereits im 14. Jahrhundert zur Minderstadt („Freiheit“) und danach zu einem Dorf herab, ehe die Siedlung im 15. Jahrhundert wüst fiel.
Aus den Einkünften speiste sich einmal der Unterhalt des Konvents und zum anderem der Bedarf des Abtes. Hier fielen erhebliche Summen für Repräsentation, den Königsdienst, die Kosten für die Unterbringungen des königlichen Hofes und für den Bau und Unterhalt der Kirche und Gebäude an.[4]
Kulturelle Blütezeit
Corvey wurde im 9. und 10. Jahrhundert zu einem der bedeutendsten Zentren der christlichen Kultur in Nordwesteuropas. Die Anfänge der Klosterbibliothek, die während der Säkularisation verstreut wurde, legte bereits Ludwig der Fromme. Heute noch erhalten sind die sächsischen Gesetze Karls des Großen, die fünf ersten Bücher der Annalen des Tacitus sowie Schriften des Cicero. Das Kloster wurde zu einem der wichtigsten Vermittler der westfränkischen Kultur in Sachsen. Der Höhepunkt dieser Phase lag in der Zeit der Äbte Bovo I. und Bovo II. zwischen 879 und 916. Neben den Äbten selbst ist der in Corvey wirkende Dichter Agius und der Geschichtsschreiber Poeta Saxo zu nennen. Im Kloster entstanden außer dem bereits erwähnten Translationsbericht des heiligen Vitus verschiedene Viten und die Annales Corbeiienses. Bovo II. verfasste einen Kommentar zu Boëthius. Auch sich heute in München befindende Heliandhandschrift. Ausstrahlung hatte auch die in Corvey praktizierte Liturgieform mit den monastischen Stundengebeten.[2] Für die große Bedeutung des Klosters zu dieser Zeit spricht, das neben Bischof Ansgar auch dessen vier Nachfolger aus Corvey hervorgingen. Insgesamt kamen 23 Bischöfe in den ersten vier Jahrhunderten des Bestehens aus diesem Kloster. Dass auch Papst Gregor V. aus Corvey stammte, gehört wohl eher in den Bereich der Legende.
Die dreischiffige Basilika St. Stephanus und St. Vitus wurde 830 begonnen und 844 geweiht. 873–885 wurde das Westwerk nach dem Vorbild der Aachener Pfalzkapelle angeschlossen, heute nicht nur das älteste westfälische Baudenkmal und ehrfurchtsvoll das „Heiligtum“ Westfalens genannt, sondern das älteste erhaltene Westwerk überhaupt. Es war das größte Gebäude des norddeutschen Raumes seiner Zeit. Die dort vorhandenen Fresken aus dem 9. Jahrhundert zeigen antike Motive der Odyssee.
Die neue Kirche sah 889 den Besuch von König Arnulf und Abt Bovo I. präsentierte das Kloster als Memorialstiftung für das karolingische Königshaus. Aber von großer Bedeutung war Corvey auch unter den Ottonen und die späteren Dynastien. Seit dem ersten Besuch Konrad I. im Jahr 913 diente Corvey vielfach als Klosterpfalz. Bis 1203 sind 23 Besuche von Königen nachgewiesen. Wahrscheinlich war die Zahl der Besuche jedoch noch höher.
Im 10. Jahrhundert endeten die Beziehungen zur Kultur des westfränkischen Reiches. Stattdessen verengten sich die geistigen Beziehungen auf den sächsischen Bereich. Als einer der Hauptvertreter der ottonischen Renaissance gilt Bovo III. Außerdem wirkte dort zwischen 942 bis 973 der Chronist Widukind von Corvey, der unter anderem hier seine „Sachsengeschichte“ schuf.
Reformkloster
Im Laufe der Zeit ließ die Klosterzucht nach. Mit Heinrich II. begann die Zeit als Reformkloster. Er hat 1015 unter dem Einfluss von Meinwerk dem Bischof von Paderborn Abt Walo abgesetzt und an dessen Stelle Druthmar eingesetzt. Dieser stammte aus dem Kloster Lorsch und mit der Gorzer Reformbewegung verbunden. Nur gegen harten Widerstand konnte dieser Veränderungen durchsetzen. Ein Großteil der Mönche verließen das Kloster. Es blieben nur neun Brüder in der Abtei. In der Folge kamen weitere Äbte aus Lorsch oder Echternach. Zur Zeit von Abt Markward orientierte sich Corvey teilweise an der Hirsauer Reform. Allerdings gab es wesentliche Unterschiede. Während in den Klöstern der Hirsauer Reform der jeweilige Ortsbischof den neugewählten Äbten den Bischofsstab überreichte, nahm ihn in Corvey der erwählte Abt selbst vom Altar. Eine Unterstellung unter Hirsau gab es nicht. Stattdessen gab es einen Verbrüderungsvertrag beider Klöster. Neben den von Anno II. ausgehenden Impulsen, wie der Gründung von Kloster Grafschaft, wurde Corvey zu einem Zentrum der Klosterreform im westfälischen Raum. In der folgenden Zeit wurde es selber zu einer Reformkraft und entsandte Mönche und Äbte in sechs weitere Klöster Sachsens. Anderswo stellten Corveyer Mönche den Gründungskonvent. Außerdem hat Corvey in dieser Zeit zur monastischen Erneuerung auch verschiedener Frauenklöster beigetragen. Zur Zeit von Markward traten 86 Mönche neu in das Kloster ein. Dagegen waren es in den 25 Jahren zuvor nur 22 neue Mönche.[5]
Eine bemerkenswerte Neuerung im Zuge der kirchlichen Reformbewegung war die Bildung von Laienbruderschaften. Diese Vitus- und Stephanusbruderschaften entstanden in Corvey zur Zeit Markwards und Erkenberts in verschiedenen Orten in denen das Kloster Grundbesitz oder andere Rechte besaß. Den Anfang machte die Vituskirche in Goslar. Allein aus der Zeit zwischen 1081 und 1138 sind die Namen von 1350 Mitgliedern bekannt. Die Bruderschaften hatten eigene Satzungen und versammelten sich zum gemeinsamen Mahl, zur Unterstützung der Armen und zum Gedenken für die Verstorbenen. Die Eintrittsgelder wurden zum Nutzen des Klosters verwendet. Die Mönche ihrerseits gedachten den Toten der Bruderschaften in ihren Gottesdienstes. Aber auch diese beteten für die Mönche. In weltlicher Hinsicht insbesondere in den unsicheren Zeiten des Investiturstreits waren die Bruderschaften eine wichtige Stütze des Klosters.[6]
Corvey zwischen Kaiser und Papst
Mit der Reformbewegung einher ging eine allmähliche Abkehr vom salischen Königshaus und eine Hinwendung in das Lager Gregor VII. Zur Zeit von Warin II. war das Kloster noch Verhandlungsort zwischen Anhängern Heinrich IV. und seinen sächsischen Gegnern, entwickelte sich aber bald zu einem Zentrum der Gregorianer. Im Jahr 1118 nahm das Kloster Theoger von Sankt Georgen auf. Dieser wurde demonstrativ, nachdem er von der kirchlichen Reformpartei zum Bischof von Metz gewählt worden war, in Corvey vom Kardinallegaten Kuno von Praeneste bei Beteiligung zahlreicher weiterer führender Gergorianer zum Bischof geweiht. Der neue Bischof übte sein kirchliches Amt unmittelbar aus, als er die Georgskirche in Corvey, einen Andreasaltar sowie die Krypta der Klosterkirche weihte.[7] In dem Zusammenhang des Investiturstreits gehört auch die vom Kaiser 1065 verfügte vorübergehend Übereignung Corveys an Adalbert von Bremen. Pfarrzehnten im Bistum Osnabrück gingen zu dieser Zeit verloren. Die Königsferne änderte sich zumindest zeitweise unter Abt Erkenbert, der von Heinrich V. eingesetzt wurde und diesem 1108 nach Ungarn und 1110/11 nach Rom folgte.
Bereits in dieser Zeit begann die Sorge um den Erhalt der materiellen Basis des Klosters. Zu diesem Zweck ließ Erkenbert ein Güterverzeichnis anlegen. Gleichzeitig begannen Auseinandersetzungen mit Dienstmannen und den Klostervögten.
Eine letzte Blütephase erlebte Corvey unter Wibald von Stablo (1146–1158). In dessen Zeit wurde das Westwerk zu seiner heutigen zweitürmigen Form in Nachahmung und Überbietung der St.-Kiliani-Kirche im benachbarten Höxter ausgebaut. In seiner Zeit wurde entfremdete Besitzrechte erneut geltend gemacht. Er ging gegen räuberische Grafen und gegen Übergriffe von Ministerialen vor. Auch festigte er erneut die Klosterdiziplin. Das Kloster war so wohlhabend das es eine Reihe kostbarer Handschriften bestellte, darunter das Liber vitae.
Das kunstvolle Liber vitae entstand möglicherweise im Kloster Helmarshausen. Hierin enthalten sind die Namen aller Mönche und Äbte Corvey von der Gründung bis zur Entstehung des Werkes. Hinzu kommen die Namenslisten von 76 mit Corvey in einer Gebetsverbrüderung verbundenen geistlichen Gemeinschaften. Dieses Buch zählt heute zu den bedeutendsten Handschriften des Staatsarchivs in Münster. Die Angaben zeigen, das Corvey mit Gemeinschaften verschiedenster Observanz verbunden war. Neben den eigenen Propsteien stehen das Kloster Stablo und das Mutterkloster Corbie an der Spitze.[7][8]
Aufbau eines Territoriums
Mit der Verlagerung der Königsmacht nach Süddeutschland unter den Staufern und der folgenden Schwächung des Königtums insgesamt verlor Corvey weitgehend den Schutz des jeweiligen Königs. Die Äbte reagierten darauf mit der Schaffung eines möglichst geschlossenen Territoriums. Dabei gerieten sie zwangsläufig in Konflikt mit umliegenden Konkurrenten. Dazu zählten neben den Bischöfen von Paderborn und verschiedenen Grafen insbesondere die Herzöge von Braunschweig, die Landgrafen von Hessen und die Erzbischöfe von Köln. Dies führte dazu, dass die Äbte ihre geistlichen Pflichten vernachlässigten und lieber Burgen bauten, wie eine Chronik der Äbte bereits 1189 beklagte. Zu den Befestigungen gehörten die Brunsburg, Landegge, Kugelsburg oder die Burg Lichtenfels. Seit 1220 war Corvey “gefürstete” Reichsabtei.
Dem gegenüber standen allerdings erhebliche Einbußen. Im Zuge des sogenannten „Osnabrücker Zehntstreits“ und durch Entfremdung verlor die Abtei die Zehnten und auch die meisten Besitzeinküfte im Bistum Osnabrück. Im Bereich der Grafschaft Waldeck verlor Corvey im 13. Jahrhundert Besitzungen zu Gunsten der Grafen und dem Erzstift Köln. Auch der 1198 erworbene Solling ging verloren.
Von dem ehemals weit gestreuten Besitz blieb letztlich nur das Gebiet um Corvey übrig. Das Klosterterritorium war etwa 275 km² (= ungefähr das Gebiet der heutigen Stadt Höxter und ihrer 12 Ortschaften) groß. Am Ende des alten Reiches lebten dort etwa 10.000 Menschen.[9] Es wurde im Osten von der Weser begrenzt, im Westen und Süden unmittelbar an das Territorium des Fürstbischofs von Paderborn angrenzte, in dessen Diözese es auch lag. Neben dem Hauptort Höxter umfasste es 16 Dörfer.
Insgesamt sank Corvey im späten Mittelalter weitgehend zur Bedeutungslosigkeit herab. Misswirtschaft und Einnahmeverluste führten zum Verfall auch der Klosterbauten.
Frühe Neuzeit
Im Zuge der Reichsreform kam Corvey 1500 zum Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis. Der Abt von Corvey hatte persönlich Sitz und Stimme (Virilstimme) im Reichsfürstenrat des Reichstages und war dort nicht bloß korporativ vertreten (Kuriatstimme) wie die allermeisten anderen reichsunmittelbaren Äbte.
Ebenfalls um 1500 begann unter Abt Franz von Ketteler mit dem Anschluss an die Bursfelder Kongregation auch eine innere Erneuerung. Auch hat dieser mit einer Sicherung der materiellen Grundlagen begonnen. Allerdings überschnitten sich diese Bemühungen mit der seit 1533 in das Corveyer Territorium eindringenden Reformation. Entgegen des Jus reformandi gelang es den Äbten nicht die dauerhafte Festsetzung der Reformation in Höxter, Amelunxen und Bruchhausen zu verhindern. Dies hat die Stellung des Abtes stark geschwächt. Erst um 1600 konnte das Westwerk erneuerte werden und im Obergeschoss mit drei Altären ausgestattet werden.
Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Kloster stark zerstört. Der “große Klosterbrand” (”Blutbad von Höxter” 1635) hat große Teile der Klosterbibliothek vernichtet. Zeitweise mussten die Mönche während des Krieges nach Höxter flüchten.
Corvey stand kurz vor dem Untergang als Bischof Christoph Bernhard von Galen 1665 Administrator wurde. Er stiftete die barocken Abteikirche und belebte das Kloster durch die Wiedereinsetzung eines adligen Konvents. Nach das klösterliche Leben sich einigermaßen gefestigt hatte, erfolgte die Wahl des Abtes wieder aus den Reihen des Konvents. Wilhelm Raabe widmete der Zeit von Galens die Erzählung Höxter und Corvey.[10] Die baufällige Klosterkirche wurde mit Ausnahme ihres Westwerks ab 1667 durch eine neue gotisierende Halle mit barocker Ausstattung ersetzt. Zwischen 1699 und 1756 wurde insbesondere unter Abt Florenz von Velde die Klosteranlage barock großzügig wieder aufgebaut. Diesen Zustand zeigt Corvey nahezu unverändert noch heute. Inschriften unter anderem auf Denkmälern zu Ehren Karls des Großen und Ludwigs des Frommen unmittelbar an der Haupteinfahrt des Klosters machten deutlich, dass sich Corvey nunmehr als Zentrum der Gegenreformation verstand. Seinen fürstlichen Anspruch brachte der Abt im prunkvollen Kaisersaal zum Ausdruck. Abt Maximilian von Horrich (1714-1721) machte sich um den Neuaufbau der Bibliothek verdient.[11]
Im 17. und 18. Jahrhundert kam es zu einer intensiven Hinwendung zur Geschichte der Abtei. Allerdings haben die damaligen Geschichtsschreiber, später auch als Corveyer „Lügenhistoriker“ bezeichnet, teilweise Quellen erfunden oder gefälscht. Dies führte auch noch im 19. Jahrhundert bei Paul Wigand Archivar und Historiker zu verschiedenen Fehlschlüssen.
Säkularisierung und das Bistum Corvey
Die etwa 12.000 Einwohner starke Reichsabtei, die im Jahr über etwa 100.000 Taler Einnahmen verfügte, versuchte sich stets aus der Abhängigkeit von den Bischöfen von Paderborn zu lösen. Einen starken Motivationsschub gab es durch das drohende Aussterben gegen Ende des 18. Jahrhunderts, zählte doch 1786 der Konvent lediglich noch 13 Mitglieder. Da Corvey nur adligen Kandidaten Aufnahme gewährte und es von diesen kaum noch Bewerber gab, versuchte man dem Untergang durch Erhebung zum Bistum zu entgehen.
1779 konnte als erster Schritt dahin die Erhebung in den Rang einer Territorialabtei erreicht werden, d.h. die Einwohner des Corveyer Territoriums, deren Landesherr der Abt in weltlichen Dingen ja ohnehin schon war, wurden jetzt auch in kirchenrechtlichen Dingen der Jurisdiktionsgewalt des Paderborner Bischofs enthoben und der des Abtes unterstellt. Die bischöfliche Weihegewalt verblieb allerdings noch beim Bischof von Paderborn. In Gegenwart des Abtes beschloss der Konvent, dass der Gottesdienst, der stets sein benediktinisches Gepräge behalten hatte, auch nach einer möglichen Säkularisation der Abtei nicht verringert werden sollte, was für einen noch immer strengen klösterlichen Tagesablauf sprach. Für die Abhaltung der Gebetszeiten wurden die Alumnen des 1786 eröffneten Priesterseminars herangezogen, da die meisten Mönche zu alt waren. Zugleich wurde die Zahl der künftigen Domherren auf zwölf und deren Gehalt auf 500 Taler festgelegt. Auch wurde die Vita communis weitestgehend reformiert und die Klausur aufgehoben.
1788 richtete die Abtei schließlich ihren Säkularisierungsantrag an den Papst. Dieser hob das Kloster 1792 auf, erhob den Fürstabt Theodor von Brabeck zum Fürstbischof und das Abteigebiet zum Bistum (= Hochstift), obwohl es lediglich 10 Pfarreien umfasste. Der Prior der Abtei wurde Domdechant, die Mönche Domherren (Kapitulare), darunter Ferdinand von Lüninck, der sich für die Umwandlungsprozedur stark engagiert hatte. Ferner kamen noch weitere Domizellare hinzu, auch erhielt die jetzt zur Kathedrale gewordene Abteikirche sechs Domvikare. Die Kleidung und die Rechte wurden den übrigen deutschen Domkapiteln angeglichen. Im Jahr 1794 wurde die Urkunde durch den Kaiser ausgestellt und das neue Bistum, das lediglich das Gebiet der alten Reichsabtei umfasste, der Kirchenprovinz Mainz unterstellt. Auf Theodor von Brabeck folgte 1794 Ferdinand von Lüninck als Fürstbischof und letzter Regionalbischof des Bistums im Königreich Preußen (+1825).
Ende der Souveränität
Schon wenig später (1803) wurde das Fürstbistum Corvey durch den Reichsdeputationshauptschluss aufgehoben. Das Territorium fiel an die Grafen von Nassau-Dillenburg, die auch den Titel der Prinzen von Orange führten. Landesherr wurde Wilhelm V. von Oranien, ab 1806 Wilhelm Friedrich Prinz von Oranien-Nassau. 1807 wurde Corvey Bestandteil des napoleonischen Königreiches Westphalen, anschließend 1815 Königlich preussische Domäne. Das geistliche Bistum Corvey blieb jedoch bis zum Tode Ferdinand von Lünincks 1825 bestehen, wurde dann dem Bistum Paderborn einverleibt.
Der in Spätfolge des Wiener Kongresses entschädigungsberichtigte Landgraf Viktor Anmadeus von Hessen-Rotenburg erhielt 1820 vom König von Preußen das Mediat-Fürstentum Corvey als Ausgleich, zusammen mit dem Mediatfürstentum Ratibor. Mit Testament von 1825 vererbte der Landgraf diese ausserhessischen Gebiete an seinen Neffen, den Erbprinzen Viktor zu Hohenlohe-Schillingsfürst. Der Landgraf starb 1834 und Erbprinz Viktor nahm mit seiner Volljährigkeit 1840 unter Verzicht seiner Schillingsfürster Erbansprüche den Titel “Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey” an.
Die heutige Fürstliche Bibliothek Corvey geht im Kern auf die Sammeltätigkeit des bibliophilen Landgrafen Victor Amadeus von Hessen-Rotenburg (1779 bis 1834) zurück; zur heutigen Größe wurde sie unter dem ersten Herzog von Ratibor und durch Hoffmann von Fallersleben erweitert.
Das 1840 begründete Herzogliche Haus Ratibor und Corvey (Haus Hohenlohe) ist bis heute Eigentümer von Schloss Corvey und der darin befindlichen Fürstlichen Bibliothek Corvey.
Hoffmann von Fallersleben in Corvey
Am 1. Mai 1860 trat der Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben seine neue Stelle als Bibliothekar an der Fürstlichen Bibliothek Corvey für Victor Herzog von Ratibor und Fürsten von Corvey mit etwa 74.000 Bänden an. Kurz zuvor war er mit seiner Frau Ida und seinem Sohn Franz nach Corvey umgezogen. [12] Hoffmann von Fallersleben starb am 19. Januar 1874 in Corvey; unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde er neben seiner bereits am 27. Oktober 1860 verstorbenen Frau Ida auf dem kleinen Friedhof neben der Abteikirche beigesetzt. Das Grab schmücken zwei schlichte Marmorplatten mit den Namen. Das Denkmal auf der Grabstätte, eine bronzenen Portraitbüste des Dichters auf einer hohen Steinstele mit der Gedichtzeile „Ich gedenke Dein“, wurde am 26. August 1911 anlässlich des 70jährigen Jubiläums des „Deutschlandliedes“ – von Hoffmann von Fallersleben 1841 auf der Insel Helgoland gedichtet – enthüllt. Gestiftet wurde das Denkmal von Franz Hoffmann-Fallersleben (1855-1927), dem Maler und Sohn des Dichters.
Klosterbibliothek
Die ersten Handschriften kamen aus dem Mutterkloster Corbie. Auch wenn nähere Informationen fehlen, lassen andere Berichte den Schluss zu, dass zahlreiche in Corbie entstandene Werke nach Corvey kamen. Darunter waren auch Schriften von Paschasius Radbertus, der selbst an der Gründung Corveys beteiligt gewesen war. Er hatte über den Tod des ersten Abtes von Corvey Adalhard eine bemerkenswerte Totenklage verfasst. Zwei weitere seiner Werke waren Abt Warin gewidmet und gehörten zur Klosterbibliothek. Auch die Schriften des Ratramnus von Corbie, der mit Abt Adalhard eine gelehrte Korrespondenz pflegte, dürften in Corvey vorhanden gewesen sein. Ein große Erweiterung erfuhr die Bibliothek durch Gerold, einem Hofkaplan Ludwig des Frommen, der beim Eintritt in das Kloster diesem seine Bücher schenkte. Dazu gehört ein Matthäuskommentar des Hieronymus, der sich heute in München befindet. Insbesondere die bedeutende Corveyer Klosterschule lässt auf einen beträchtlichen Buchbestand schließen. Bischof Ansgar führte auf seinen Missionsreisen Bücher aus Corvey mit sich oder ließ sie sich von dort kommen. Die nach einem Dänenüberfall 845 zerstörte Hamburger Dombibliothek soll mit Hilfe Corveys wieder aufgebaut worden sein. Bedeutende als Schriftsteller arbeitende Mönche wirkten in der Zeit um 900 in Corvey. Eine Analyse der benutzten Quellen zeigt, dass in Corvey zahlreiche Werke antiker und christlicher Autoren vorhanden gewesen sein müssen. Auch die Sachsengeschichte Widukinds beruht auf anderen Schriften.
In der Folgezeit waren die Neuerwerbungen relativ gering. Ein neuer Aufschwung erfolgte in der Reformzeit unter Abt Markward um 1100. So erhielt das Kloster Marienmünster bei seiner Gründung auch Bücher aus Corvey. Auch noch unter Erkenbert wurden in Corvey eine Reihe von Werken erworben. Erkenbert widmete Ekkehard von Aura eine Bearbeitung einer Weltchronik. In der Folge wurde die Bibliothek aber erneut vernachlässigt, ehe sie unter Wilbald von Stablo ab 1146 erneut einen Aufschwung erlebte. Dieser sammelte alle ihm zugänglichen Schriften des Cicero und stellte sie in einem heute Berlin befindlichen Codex zusammen. Auch das wahrscheinlich in Helmarshausen entstandene liber vitae stammt aus dieser Zeit. Nach dem Tod Wilbalds verlor die Bibliothek ihre frühere Bedeutung. Es kamen zwar weiter neue Bücher hinzu, zahlreiche weitere gingen aber auch verloren. Zum Bestand hinzu kam unter anderem ein Exemplar des Sachsenspiegels. Verloren ging unter anderem die berühmte Tacitusausgabe, die an Papst Leo X. kam.
Im 16. Jahrhundert kam die Bibliothek des Klosters Bursfelde nach Corvey. In dieser Zeit suchten auch eine Reihe von Gelehrten die Bibliothek zu Studienzwecken auf. Hermann Hamelmann stellte dieser aber kein gutes Zeugnis aus, als er von einer einst ausgezeichneten Bibliothek sprach. Große Verluste erlitt die Bibliothek während des dreißigjährigen Krieges. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurden zur Zeit von Christoph Bernhard von Galen eine Reihe neuer großer Werke angeschafft. Weiter ausgebaut hat den Bestand Maximilian von Horrich, der 1721 zahlreiche Werke auf einer Auktion in Bremen erstand. Auch die folgenden Äbte vermehrten die Bibliothek. Ein erster verschollener Katalog wurde 1793 angelegt.
Nach der Säkularisation von 1803 wurde auch die Bibliothek aufgelöst. Verhandlungen zu ihrem Verbleib dauerten bis 1812. Aber schon zuvor waren Teile davon unter der Hand verschwunden. Der Historiker Paul Wigand fand 1811 nur noch ein Viertel der erwarteten Bücher vor. Ein beträchtlicher Teil kam 1812 nach Marburg, Münster und Bonn. Einiges kam auch in die Dekanatsbibliothek von Höxter und die Pfarrbibliothek von Corvey. Diese Werke sind heute in der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek in Paderborn.[13]
Die fürstliche Bibliothek Corvey steht nicht in unmittelbarer Tradition zur alten Klosterbibliothek.
Architektur
Baugeschichte
Der Grundstein zur Klosterkirche wurde 822 gelegt. Das Langhaus wurde 844 geweiht (Bau I). Im Jahr 867 folgte die Weihe der Querarme und des Chores (Bau II). Der Bau des Westwerkes wurde 873 begonnen und dieses wurde 885 geweiht.
In den Jahren 1145 bis 1159 erfolgte die Umgestaltung des Westwerkes mit dem oberen Querriegel. Zwischen 1585 und 1616 kam es zu weiteren baulichen Veränderungen des Westwerkes. Außerdem kam es zu Arbeiten an den Turmhelmen und den Dächern.
Mit Ausnahme des Westwerkes wurde die Kirche 1665 abgebrochen. Der Kirchenneubau erfolgte durch den Architekten Niklas Dentell zwischen 1667 und 1671. Geweiht wurde die Kirche 1674.
Die Abtei wurde unter Abt Florenz von Velde 1699 neu gebaut. Zwischen 1714 und 1721 wurde der Ostflügel zur Zeit von Abt Maximilian von Horrich errichtet. Unter Abt Karl von Blittersdorf wurden die Wach-, Wohn- und Remisengebäude erbaut. Hinzu kamen zwei Türme sowie Flügel des Wirtschaftshofes. Die Benediktuskapelle am Scheitel des Chores der Klosterkirche stammt aus dem Jahr 1727. Das Gartenhaus wurde 1741 erbaut. Aus dem Jahr 1790 stammt die Marienkapelle im Süden der Kirche.
Zwischen 1945 und 1965 fanden umfassende Renovierungsarbeiten der Kirche statt. Dabei kam es von 1951 bis 1953 zu Ausgrabungen in der Kirche. In den Jahren zwischen 1954 und 1961 wurden die Wandmalereien im Westwerk aufgedeckt. Neuerlich fanden Grabungen nach 1974 statt.[14]
Baubeschreibung
Klosteranlage
Die Gesamtanlage des Klosters ist durch ein rechteckiges mit Mauern umgebenen Grabensystem umschlossen. Dieses reicht im Osten bis an die Weser. Im Norden der Klosterkirche schließt sich die eigentliche Klosteranlage an. Sie gruppiert sich um zwei Höfe. Im südlichen Hof befindet sich auch der Kreuzgang aus dem 18. Jahrhundert. Der Nordflügel der Abtei am nördlichen Innenhof hat zwei Ecktürme mit geschweiften Hauben. Er verfügt über einen Mittelrisaliten mit Dreiecksgiebel. Im Inneren des Gebäudes befindet sich die Bibliothek im sogenannten Sommersaal und der prunkvolle Kaisersaal mit Deckenmalereien und Kaiserbildnissen.[15] Hinzu kommen Torgebäude, Schilderhaus und eine Steinbrücke. Im Westen und Südwesten der Kirche befinden sich ausgedehnte Wirtschaftsgebäude. Hinzu kommen Gartenhäuschen und Standbilder. [16] Nördlich und südlich der Kirche liegt der Friedhof.
Vor dem Neubau im 17./18. Jahrhundert gab es einen Friedhof, Obstgärten und verschiedene verstreute Gebäude wie die Residenz des Abtes, Gast- und Krankengebäude sowie Wirtschaftsgebäude. Ein Zeitgenosse schrieb um 1590: „Die Gebäude aber dieses oft erwähnten Klosters sind zum Teil alt, zum Teil neu. Und es sind ziemlich viele, derart daß es auch von außen als eine stattliche Stadt anzusehen ist.“[17]
Westwerk
Der älteste heute noch erhaltene Bauteil ist das Westwerk der Klosterkirche. Dieses wurde im 9. Jahrhundert als Dreiturmanlage erbaut. Im 12. Jahrhundert wurde es grundlegend umgestaltet. Die Räume der unteren und mittleren Geschossen blieben dabei erhalten. Die hochaufragende Westfront besteht aus zwei Flankentürmen und einem Mittelbau mit einem risaltartigen Erker in der Mitte. Dort ist eine Inschriftentafel aus der Gründungszeit angebracht. Der aus karolingischer Zeit stammende untere Teil des Westwerkes besteht aus einem unregelmäßigen Bruchsteinmauerwerk. Unterbrochen wird dies durch schlichte Rundbogenfenster und Lichtschlitze. Vom Gesamtbau hebt sich das zweigeschossige Glockenhaus über dem Mittelbau deutlich ab. Die vier zweiteiligen Bogenöffnungen der unteren Reihe stammen noch aus der Ursprungszeit des Baus. Die sechs zweiteiligen Öffnungen der oberen Reihe stammen aus dem 12. Jahrhundert. Aus dieser Zeit stammen auch die oberen Geschosse der Türme mit ihren je zwei doppelbogigen Zwillingsfenstern.[18] Die Dächer des Mittelbaus und der Türme stammen vom Ende des 16. Jahrhunderts.
Ein Atrium als Hauptzugang zum Westwerk im Westen ist nicht mehr vorhanden. Durch drei Arkaden gelangt man in die aus karolingischer Zeit stammende Eingangshalle auch als „Krypta“ bezeichnet. Dabei handelt es sich um ein dreischiffiges, dreijochiges Quadrat zwischen gequaderten Pfeilern. Vier gedrungene Säulen tragen ein gurtloses Kreuzgratgewölbe. Die Säulen sind mit korinthisierenden Vollblattkapitellen mit hohen, ornamentierten Kämpferblöcken versehen.[19] Den Hauptraum umgeben zwei dreijochige, früher flachgedeckte Seitenschiffe. Der östliche Teil der Eingangshalle war die Verbindung zwischen Westwerk und Kirche. Dieser reichte früher durch drei Geschosse des Westwerkes. Um 1600 wurde der Raum eingewölbt. An den westlichen Ecken der Eingangshalle befinden sich Treppen zum zweigeschossigen Mittelraum des Westwerkes. Dieser sogenannte Johannischor[20] ist ein hoher quadratischer Raum mit einer Balkendecke aus dem 16. Jahrhundert. Umgeben wird er von einigen Nebenräumen und einer Empore.
In allen Stockwerken finden sich Wandmalereien aus Ornamentbändern, Akanthusranken und geometrischen Mustern. Ohne zeitgenössisches Vergleichsstück existiert auch eine Darstellung des Kampfes des Odysseus mit dem Ungeheuer Skylla. Dieses Bild gehörte ursprünglich zu einem Bilderzyklus, von dem aber sonst nichts erhalten ist.[21]
Klosterkirche
Die ursprüngliche Klosterkirche war ein dreischiffiges Langhaus mit schmalen Seitenschiffen. Offenbar hat es Mittelschiffarkaden gegeben, näheres ist unklar. Im Osten schloss an das Langhaus ein annähernd quadratischer Chor an. Am Osten des Chores befand sich ein kleiner Anbau mit einer Apsis. Unter dem Chor befand sich eine Krypta. Bereits kurz nach Fertigstellung und vor dem Bau des Westwerkes wurde der Bau I zum sogenannten Bau II umgestaltet. Dazu gehörte im Osten ein ein eingezogenes rechteckiges Chorjoch und eine halbrunde Apsis. Gleichzeitig wurde eine Außenkrypta mit einem Umgang um die Chorapsis erbaut. Hinzu kamen zwei nach Osten verlängerte Längsstollen und eine Kreuzförmige Kapelle im Osten. Durch den Bau von Querarmen am Chor wurde der Gesamtbau erweitert.
Die nach 1667 erbaute Kirche ist ein Saalbau in einem gotisierenden Stil. Er besteht aus drei Jochen und eingezogenen dreijochigem Chor mit 5/12 Schluss. Im Osten befindet sich als kleiner Anbau die Benediktuskapelle (zweijochig, dreiseitiger Schluss). Die Kirchenfenster sind hohe zwei- und dreiteilige Spitzbogenfenster. Die Kirche hat ein Kreuzrippengewölbe ohne Gurtbogen.
Die reiche Innenausstattung stammt aus der Zeit des Barock.[22] In der Kirche gibt es auch eine Reihe von Epitaphen aus dem 17. und 18. Jahrhundert.[23]
Siehe auch
Literatur
Ältere Literatur
- Paul Wigand: Geschichte der gefürsteten Reichsabtei Corvey und der Städte Corvey und Höxter. Höxter, 1819 [mehrere Bände] Digitalisat
- Paul Wigand (Hrsg.): Der Corveyesche Güterbesitz aus den Quellen dargestellt und als Fortsetzung der Corveyschen Geschichte. Lemgo, 1831 Digitalisat
- Paul Wigand (Hrsg.): Traditiones Corbeinses. Leipzig, 1843 Digitalisat
Neuere Literatur
- Hilde Claussen, Anna Skriver: Die Klosterkirche Corvey. Bd 2. Wandmalerei und Stuck aus karolingischer Zeit. Denkmalpflege und Forschung. Bd 43,2. Mainz 2007. ISBN 3-8053-3843-0
- Handbuch der historischen Stätten Deutschlands. Nordrhein-Westfalen, Stuttgart, 1970 S.146-149
- Marianne Huisking: Beiträge zur Geschichte der Corveyer Wahlkapitulationen. in: Westfälische Zeitschrift (WestfZs). Paderborn 98/99.1949, S.9. ISSN 0083-9043
- Klemens Honselmann (Hrsg.): Die alten Mönchslisten und die Traditionen von Corvey. Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen. Bd 10. Abhandlungen zur Corveyer Geschichtsschreibung. Bd 6, T.1. Paderborn 1982. ISBN 3-87088-326-X
- Leopold Schütte (Hrsg.): Die alten Mönchslisten und die Traditionen von Corvey. Indices und andere Hilfsmittel. Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen. Bd 10. Abhandlungen zur Corveyer Geschichtsschreibung. Bd 6, T.2. Paderborn 1992. ISBN 3-87088-326-X
- Beate Johlen: Die Auswirkungen der Gegenreformation auf den Sakralbau des 17. Jahrhunderts. Reform und Tradition am Beispiel des Wiederaufbaues der ehemaligen Benediktinerabteikirche Corvey/Westfalen im Jahre 1667. Bonn 2000.
- Günter Tiggesbäumker: Corvey – Zeuge einer großen Vergangenheit. Mit Fotografien von Peter Knaup. München 2008.
Commons: Corvey – Sammlung von Bildern und/oder Videos und Audiodateien
- Karl Heinrich Krüger: Das Kloster Corvey
- Schloss Corvey
- Karte der Grundherrschaften von Kloster Corvey
- Sammlung Duncker (PDF-Datei; 249 kB)
- Sicherheitsverfilmung 1943-1945
- Odysseus in der Kirche, ein Beitrag über die karolingischen Wandmalereien im Westwerk der Klosterkirche
Einzelnachweise
- ↑ Joachim Wollasch: Benediktinisches Mönchtum in Westfalen von den Anfängen bis ins 12. Jahrhundert. In: Monastisches Westfalen. Klöster und Stifte 800-1800. Münster, 1982 S.19
- ↑ a b Joachim Wollasch: Benediktinisches Mönchtum in Westfalen von den Anfängen bis ins 12. Jahrhundert. In: Monastisches Westfalen. Klöster und Stifte 800-1800. Münster, 1982 S.20
- ↑ Peter Berghaus: Die Münzprägung westfälischer Stifte und Klöster. In: Monastisches Westfalen. Klöster und Stifte 800-1800. Münster, 1982 S.455
- ↑ vergl. Zur Grundherrschaft des Kloster Corvey
- ↑ Joachim Wollasch: Benediktinisches Mönchtum in Westfalen von den Anfängen bis ins 12. Jahrhundert. In: Monastisches Westfalen. Klöster und Stifte 800-1800. Münster, 1982 S.25-27
- ↑ Joachim Wollasch: Benediktinisches Mönchtum in Westfalen von den Anfängen bis ins 12. Jahrhundert. In: Monastisches Westfalen. Klöster und Stifte 800-1800. Münster, 1982 S.27
- ↑ a b Joachim Wollasch: Benediktinisches Mönchtum in Westfalen von den Anfängen bis ins 12. Jahrhundert. In: Monastisches Westfalen. Klöster und Stifte 800-1800. Münster, 1982 S.28
- ↑ dazu ausführlich: Peter Rück: Kodikologisch-paläographische Bemerkungen zum Liber Vitae von Corvey Digitalisat
- ↑ vergl. Gerhard Köbler: Historisches Lexikon der deutschen Länder. Die deutschen Territorien vom Mittelalter bis zur Gegenwart. München, 1992 S.112.
- ↑ Wilhelm Raabe: Höxter und Corvey Volltext auf Projekt Gutenberg-DE
- ↑ Der Neuaufbau der Corveyer Klosterbibliothek nach dem Dreißigjährigen Krieg unter Fürstabt Maximilian von Horrich
- ↑ Hoffmann von Fallersleben auf Corvey (1860-1874)
- ↑ Hermann Josef Schmalor: Klosterbibliotheken in Westfalen 800-1800. In: Monastisches Westfalen. Klöster und Stifte 800-1800. Münster, 1982 S.511-512
- ↑ Heiko K.L. Schulze: Klöster und Stifte in Westfalen – eine Dokumentation. Geschichte, Baugeschichte und -beschreibung. In: Monastisches Westfalen. Klöster und Stifte 800-1800. Münster, 1982 S.334
- ↑ vergl. Der Kaisersaal im Corveyer Schloss
- ↑ Heiko K.L. Schulze: Klöster und Stifte in Westfalen – eine Dokumentation. Geschichte, Baugeschichte und -beschreibung. In: Monastisches Westfalen. Klöster und Stifte 800-1800. Münster, 1982 S.336
- ↑ Die Gesamtanlage
- ↑ Zur Fassade des Westwerkes
- ↑ Zum Untergeschoss des Westwerkes
- ↑ Zur Emporenkirche
- ↑ Heiko K.L. Schulze: Klöster und Stifte in Westfalen – eine Dokumentation. Geschichte, Baugeschichte und -beschreibung. In: Monastisches Westfalen. Klöster und Stifte 800-1800. Münster, 1982 S.334f.
- ↑ Zur Innenausstattung
- ↑ Heiko K.L. Schulze: Klöster und Stifte in Westfalen – eine Dokumentation. Geschichte, Baugeschichte und -beschreibung. In: Monastisches Westfalen. Klöster und Stifte 800-1800. Münster, 1982 S.335