Deserteurdenkmal Erfurt

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Das Denkmal für den unbekannten Wehrmachtsdeserteur und für die Opfer der NS–Militärjustiz vor der Bastion Philipp der Zitadelle Petersberg wurde am 1. September 1995 eingeweiht.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Detail der Deserteurstele

Das Mahnmal stammt von dem Erfurter Künstler Thomas Nicolai und besteht aus acht Metallstelen, von denen sieben in „starrer, disziplinierter Haltung“ stilisiert sind. Eine ist „individuell geformt“, wendet sich aus der Reihe ab und symbolisiert den Fahnenflüchtigen. Eine Bronzetafel am Boden trägt die Inschrift Dem unbekannten Wehrmachtsdeserteur – Den Opfern der NS-Militärjustiz – Allen die sich dem Naziregime verweigerten sowie ein Zitat aus dem Werk Träume von Günter Eich: Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt.[1]

Nicolai verarbeitete Schrott (Heizkessel), da dieser billig und ein Material mit Spuren ist. Stahl als Medium des Krieges erinnert an die Materialschlachten des Zweiten Weltkriegs. Die Anordnung der Stelen in Form einer engen Gasse vermittelt ein Gefühl der Beklemmung, Uniformität uhd Ausweglosigkeit, das durch die sich aus dem Material ergebenden Spitzen der Basis verstärkt wird. Das Problem des Gehorsams, der Einfügung in eine Ordnung sieht Nicolai als allgemeine Spannung zwischen Individuum und gesellschaftlichem System. Wird eine Schmerzgrenze (angedeutet duch den schief gehaltenen Kopf des Deserteurs) überschritten, wird das Recht auf Selbstbestimmung zum Recht auf Verweigerung.[2]

Im Prozess der Verarbeitung des Ausgangsmaterials ergab sich auch eine Assoziation zu Chorgestühl von Klosterkirchen. Diesen religiösen Bezug ließ der Künstler zu.[3]

Geschichtlicher Bezug des Orts

Das Denkmal liegt der Altstadt (Andreasviertel) zugewandt im Festungsgraben der Zitadelle Petersberg an einer ruhigen Stelle, ist jedoch auf dem vor dem Haupttor nach rechts abzweigenden Fußweg nach 200 Metern zu erreichen. Im Miltärarrestgebäude (neben der ehemaligen Hauptwache) befand sich seit 1918 eine Polizei-Haftanstalt, die in der Zeit des Nationalsozialismus Untersuchungshaftanstalt für politische Gefangene wurde. Im Kommandantenhaus der Festung (über dem Haupteingang) war seit 1935 das Kriegsgericht 409 ID der Wehrmacht untergebracht, das während des Zweiten Weltkriegs rund 50 Deserteure zum Tode verurteilte. Im Keller der großen Defensionskaserne befanden sich dazu gehörige Arrestzellen, und einige Verurteilte wurden auf dem Festungsgelände erschossen.

Kontroversen

Seit der Planung regt das Denkmal zu teils heftigen öffentlichen Diskussionen an. Dies macht eine Kontroverse in der Zeitschrift Stadt und Geschichte deutlich. Ein Leser bezeichnete Fahnenflucht als nicht „besonders ehrenhaft“; er „gedenke lieber derer, die [...] bei ihren Kameraden ausgeharrt haben.“[4] Ein anderer wies dagegen darauf hin, „die Wehrmacht [sei] ein Instrument des Vernichtungskrieges der Nazis“ gewesen. Deserteure „waren es leid, das sinnlose Sterben zu verlängern. Und Angst hatten sie auch. Hätten sie Helden für Hitler sein sollen?“[5]

Literatur

  • Ruth Menzel und Steffen Raßloff: Denkmale in Erfurt. Sutton Verlag Erfurt, 2006, S. 38 f.
  • Steffen Raßloff: Die Zitadelle Petersberg als Erinnerungsort an NS-Diktatur und Zweiten Weltkrieg. In: Heimat Thüringen, 2-3/2005, S. 42-44.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Steffen Raßloff: Die Zitadelle Petersberg als Erinnerungsort an NS-Diktatur und Zweiten Weltkrieg. In: Heimat Thüringen, 2-3/2005, S. 42.
  2. R. Petz: Ein Bekenntnis zur Menschlichen Natur. Im Gespräch mit dem Erfurter Künsteler Thomas Nicolai; in: UNZ, 11, 2009, S. 11
  3. Persönliche Mitteilung vom 28. Oktober 2009
  4. Leserbrief von Dr. Rudolf Benl. In: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt 6, 2000, S. 23
  5. Leserbrief von Prof. Dr. Siegfried Wolf. In: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt 7, 2000, S. 27
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