Heruler
Die Heruler oder Eruli, waren ein (ost)germanischer Stamm, der kurz nach 250 n. Chr am Schwarzen Meer zum ersten Mal Erwähnung findet.
Die ältere Forschung ging von einer Herkunft der Heruler aus Skandinavien aus. Diese Annahme beruhte jedoch wohl auf einer fehlerhaften Lesung einer Passage in Jordanes‘ Getica; die Ethnogenese der Heruler fand sehr wahrscheinlich auf dem Kontinent statt, möglicherweise sogar erst in der Region, in der die Römer sie erstmals wahrnahmen: Angesiedelt an der Küste des Schwarzen Meeres, nahmen Heruler in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts, zur Zeit der Reichskrise, an den Seezügen der Goten teil und gelangten so bis nach Griechenland, wo sie 267/68 unter anderem Athen plünderten, bevor die Römer die Lage im späten 3. Jahrhundert wieder (vorläufig) stabilisieren konnten. Besonders dieser Angriff auf Hellas sorgte dafür, dass die Heruler in den griechisch-römischen Quellen noch lange einen ausgesprochen schlechten Ruf genossen.
Wohl um die Mitte des 4. Jahrhunderts wurden viele Heruler von den Goten unterworfen. Als das Reich des greutungisch-gotischen Königs Ermanarich um 375 n. Chr. von den Hunnen erobert wurde, wurden damit auch die “gotischen” Heruler zu deren Vasallen. Erst nach dem Untergang des hunnischen Reiches um das Jahr 454 gelang es Herulern, ein eigenes Reich an der March im Süden der heutigen Slowakei zu errichten. Ihre nun hunnische Lebensweise brachte die Heruler offenbar immer wieder in Konflikt mit ihren Nachbarn (zu dieser Zeit siehe auch Völkerwanderung).
Wohl im Jahre 510 wurde dieses Heruler-Reich unter dem König Rudolf endgültig von den Langobarden vernichtet. Die verbleibenden Heruler teilten sich in mehrere Gruppen, von denen sich eine den Langobarden anschloss und in diesen aufging, eine andere bei den Ostgoten in Italien Zuflucht fand und eine dritte nach längerer Wanderung zunächst zu den Gepiden floh, dann aber schließlich Aufnahme im Oströmischen Reich fand. Beim heutigen Belgrad wurde ihnen gestattet, ein kleines Föderatenreich zu errichten. Diese Heruler spielten eine nicht geringe Rolle bei der so genannten restauratio imperii des oströmischen Kaisers Justinian I., da sie vielfach in römischen Armeen dienten, aber einen schlechten Ruf genossen. Bald nach der Mitte des 6. Jahrhunderts verschwinden sie jedoch aus den Quellen.
Der spätantike Geschichtsschreiber Prokop berichtet um 550, dass die letztgenannte Gruppe der Heruler sich nochmals gespalten habe, bevor sie die Donau überschritt und ins Oströmische Reich eindrang, und dass sich ein Kontingent stattdessen nach Norden wandte, um in Thule, dem sagenhaften Ende der Welt, wie es Prokop nennt, Zuflucht zu suchen. Worin genau der Kern dieser Nachricht besteht (zogen einige Heruler mit den Angelsachsen nach Britannien?) ist unklar. Allerdings wird die Ähnlichkeit der Funde der Sösdalagruppe in Südschweden, wo zerbrochenes Sattel- und Zaumzeug in der Nähe von Begräbnisstätten flach unter der Erde vergraben gefunden wurde, mit entsprechenden Funden in Untersiebenbrunn und Pannonhalma von einigen Forschern als Beleg für Prokops Bericht gewertet.[1] Unklar ist, ob zwischen den Herulern und den Titeln Jarl (urnordisch erilaz) und Earl (altenglisch eorl) ein Zusammenhang besteht.
Neben diesen Ost-Herulern werden seit dem Ende des 3. Jahrhunderts auch andere Heruler in den Quellen genannt, die nach Gallien und Spanien einfielen. Diese Heruler werden manchmal als West-Heruler bezeichnet, und ihr damaliges Siedlungsgebiet wird am Niederrhein vermutet. Ihre Spur verliert sich früh.
Literatur
- Arne Sǿby Christensen: Cassiodorus, Jordanes and the History of the Goths. Studies in a Migration Myth. Museum Tusculanum Press, Kopenhagen 2002, ISBN 87-7289-710-4.
- Alvar Ellegård: Who were the Eruli? in: Scandia 53 (1987), S. 5ff., ISSN 0036-5483.
- Charlotte Fabech: Offerfundene fra Sösdala, Fulltofta og Vennebo. Eksempler på rytternomadiske riter og ceremonier udført i sydskandinaviske jernaldersamfund. (Die Opferfunde von Sösdala, Fultofta und Vennebo. Beispiele für reiternomadische Riten und Zeremonien in der südskandinavischen Eisenzeitgesellschaft). In: Nordisk Hedendom. Et Symposium. Odense 1991. S. 103-112.
- Walter A. Goffart: The narrators of barbarian history (A.D. 550–800). Jordanes, Gregory of Tours, Bede, and Paul the Deacon. Princeton University Press, Princeton 1988, ISBN 0-691-05514-9.
- Pál Lakatos: Quellenbuch zur Geschichte der Heruler. Acta Antiqua et Archaeologica XXI. Opuscula Byzantina VI. Csukás István a Jate BTK dékánja, Szeged 1978.
- John R. Martindale, John Morris: Odovacer / Rodulfus. In: The Prosopography of the Later Roman Empire. Bd. 2, Cambridge University Press, Cambridge 1980, S. 791–793 und 946, ISBN 0-521-20159-4.
- Guenter Neumann/Matthew Taylor: Heruler. In: Reallexikon der germanischen Altertumskunde 14 (1999), 2. Auflage, S. 468–474, ISBN 3-11-016423-X.
- Walter Pohl: Die Gepiden und die gentes an der mittleren Donau nach dem Zerfall des Attilareiches. In: Die Völker an der mittleren und unteren Donau im fünften und sechsten Jahrhundert. Hg. von Herwig Wolfram/Falko Daim, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1980, S. 239–305, ISBN 3-7001-0353-0.
- Bruno Rappaport: Heruli. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band VIII,1, Stuttgart 1912, Sp. 1150–1167.
Germanen-Bibliographie des Instituts für Mittelalterforschung der Oesterr. Akademie der WissenschaftenTroels Brandt: The Heruls Einzelnachweise
- ↑ Zu dieser problematischen These siehe Fabech S. 109
unter GFDL. Hier können Sie den Original-Artikel zu Heruler , die Versionsgeschichte
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