Indianerpolitik der Vereinigten Staaten
Von einer Indianerpolitik der Vereinigten Staaten kann erst ab der Amerikanischen Unabhängigkeit gesprochen werden, also ab 1783. Sie wurzelt in der britischen Politik gegenüber den Indianern und entwickelte aus einer Vielzahl von Gründen eine eigene Dynamik. Als wichtige Kräfte waren dabei das Verhältnis zu Großbritannien und die Rolle der Indianer in den Kriegen zwischen den beiden Mächten von Bedeutung, ebenso wie der überaus starke und lang anhaltende Widerstand der vergleichsweise kleinen Gruppen. Auf der anderen Seite stand ein starker Siedlungsdruck einer schnell wachsenden Einwohnerschaft, gesteigert durch die fast ungesteuerte Art der Landaneignung durch Siedler (Squatting), aber auch ihr religiöser und kultureller Überlegenheitsanspruch (Manifest Destiny).
Schloss man aus einer Mischung von Respekt für ihre Verdienste um die USA und Berechnung zunächst Verträge, so wurden um 1830 fast alle Indianer aus dem Gebiet östlich des Mississippi unter Anwendung von Zwang umgesiedelt (Pfad der Tränen). Es war zwar nie vorherrschende Politik, die Ureinwohner auszurotten, aber sie sollten der Besiedlung nicht im Weg stehen, und sie sollten sich religiös und kulturell, aber auch wirtschaftlich den Idealen der weißen Gesellschaft anpassen, sie sollten also Christen, „Amerikaner“ und Bauern und Viehzüchter werden.
Diese Politik scheiterte jedoch – oftmals wurden die Anpassungsbemühungen aber auch gar nicht berücksichtigt -, und so entstand die Idee von abgeteilten Gebieten (reservations), in denen die Indianer auf die amerikanische Lebensweise vorbereitet werden sollten. Die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen, wie im Fall der Bisons, von denen die Stämme der Graslandschaften lebten, zwang viele Gruppen zum Nachgeben, wobei die Regierung vielfach mehrere Stämme in großen Reservaten zusammenfasste, auch solchen, die sich kaum verständigen konnten. Dies führte vielfach zu internen Konflikten, zumal die Gebiete meist wenig geeignet für die neue Lebensweise waren. Darüber hinaus wurden die Indianer zunehmend zu Mündeln des für sie seit 1824 zuständigen Bureau of Indian Affairs. Diese zunächst dem Kriegs- dann dem Innenministerium unterstehende Behörde erwies sich zudem als sehr korruptionsanfällig.
Das Land galt als für den Indianer reserviertes Gemeingut, das alle dort Lebenden nutzen konnten. 1887 setzte jedoch eine Individualisierung des Landbesitzes ein, das Land wurde verteilt und damit auf lange Sicht dem kapitalistischen Grundstücksmarkt zugeführt. Damit war eine weitere Voraussetzung zur Assimilierung bereitgestellt, viele der Indianer, die kaum Zugang zu bezahltem Einkommen hatten, mussten ihr Land verkaufen. Darüber hinaus nahm man Kinder der Indianer aus den Familien und verbot ihnen den Gebrauch ihrer Muttersprachen und die Ausübung ihrer Kultur.
Erst 1924 erhielten die Indianer allgemeine Bürgerrechte, womit sie an Wahlen teilnehmen konnten, 1934 stimmten sie über eine Art Selbstverwaltung aus demokratisch gewählten Stammesräten und Häuptlingen ab, die jedoch in Gegensatz zu den traditionellen Mitteln des Macht- und Besitzausgleichs standen. 1953 begann ein Rückzug staatlicher Verpflichtung aus den Angelegenheiten der Indianer, womit naturgemäß auch jegliche Förderung der oftmals ländlichen und von dünner Infrastruktur gekennzeichneten Regionen entfiel und eine starke Abwanderung in die prosperierenden Städte einsetzte, die sich mit einer weiteren Verarmung vieler vernachlässigter Gebiete verband.
Ab Ende der 1960er Jahre konnten die indianischen Gruppen, vor allem das American Indian Movement, eine größere Eigenständigkeit durchsetzen, manche Stämme wurden ökonomisch überaus erfolgreich. Zahlreiche Gerichte sprachen den misshandelten, vertriebenen und enteigneten Indianern Entschädigungen zu, manche Gruppen versuchen, ihre traditionellen Gebiete zurückzukaufen. Die amerikanische Regierung hat sich bis heute für ihre über mehr als zwei Jahrhunderte erfolgte Indianerpolitik nicht entschuldigt, wenn die entsprechende Debatte auch eingesetzt hat. 2009 kam es zu Entschädigungsabsprachen zwischen der Regierung und Stammesvertretern für die ökonomische Nutzung der Reservate seit 1896.
Verträge, abgewiesene Assimilationsversuche (1783-1830)
Die USA führten in den Jahren nach 1783 keine gezielte Indianerpolitik durch. Viele von ihnen hatten ihren Kampf um Unabhängigkeit unterstützt. Die daraus resultierende Haltung lag im Konflikt mit der Tatsache, dass der Staat neue Ländereien erschließen musste, um mit den Erträgen aus dem Landverkauf an einströmende Siedler seine Schulden begleichen zu können. So entstand eine Politik der zurückhaltenden Kolonisierung, die bis etwa 1820 andauerte.[1] Diese Politik kann als eine Weiterführung der imperialistischen Politik der Spanier, Niederländer und Franzosen angesehen werden. So rechtfertigten sie die Besitzergreifung des Kontinents mit dem Entdeckerprinzip, wonach die bloße Entdeckung des Küstenstreifens ausreichte, um denselben samt seinem undefinierten Hinterland für sich zu beanspruchen. Die Amerikaner kombinierten diese Politik mit derjenigen der Briten, die die Indianer als gleichgestellte Verhandlungspartner akzeptierten. Darüber hinaus eigneten sich die Gebiete der Cherokee und der Muskogee in den Bundesstaaten Georgia, North Carolina, South Carolina und Tennessee, um die eigene Interessensphäre von der französischen, spanischen und britischen abzugrenzen. Zudem waren die Gebiete zunächst ohne Bedeutung für die Siedler und so wurden sie weitgehend als autonome Staatsgebiete behandelt. Dies änderte sich erst mit verbesserten Techniken in der Baumwollindustrie.
1784 bis 1786 wurden Verträge mit Indianern im Ohiogebiet geschlossen, womit die Regierung das vorrangige Ziel der Besiedlungspolitik verfolgte. 1786 skizzierte Henry Knox, Leiter des Kriegssekretariats, und Präsident George Washington einen Plan. Er beruhte auf den Grundpfeilern Zivilisierung und Assimilierung, und er akzeptierte, dass der Raub von Land den Ruf der USA schädigen würde. Den meisten Amerikanern erschien es gottgewollt, heidnische Wilde in ihre fortschrittliche Lebensweise einzuführen, was der heftige Widerstand in Ohio zu bestätigen schien. Schweren Niederlagen in den Jahren 1791 und 1792 folgte ein entscheidender Sieg 1794 (Battle of Fallen Timbers). Ein Befürworter der Assimilierung war der dritte Präsident Thomas Jefferson, man sprach geradezu von einer Jeffersonian Indian policy.[2] Er war, geprägt von aufklärerischem Denken, davon überzeugt, dass es genügen würde, den Indianern das Licht der Zivilisation zu bringen, und den Männern landwirtschaftliche Tätigkeit, den Frauen häusliche Tätigkeit und Webarbeiten beizubringen. Als Tecumseh und sein Bruder Tenskwatawa ihren großen Aufstand begannen, dem sich 1813-1814 der Creek War anschloss, galt diese Politik als gescheitert und die militärische Unterwerfung war das Ziel. Dazu trug erheblich die Befürchtung bei, die Indianer könnten sich mit den Briten verbünden.
Eine zeitweilige Gleichbehandlung auf ökonomischer Ebene erfuhren die Indianer durch das so genannte Factory System, ein Handelssystem, in dessen Zentrum der Pelzhandel stand. Die Indianer tauschten Pelze der von ihnen erlegten Tiere gegen Waffen, Werkzeuge, Schmuck, Haushaltsutensilien und Metallwaren. Dabei sollten den Indianern faire Preise bezahlt werden. Dieses System dauerte von 1796 bis 1822; es scheiterte letztlich an der privaten Opposition der beteiligten Weißen.
1815 war die Politik von Knox, Washington und Jefferson gescheitert. Eine Politik der Segregation begann die der Assimilierung zu überlagern. Die Indianer wurden in Reservaten (reservations) angesiedelt und dort vor den Weißen geschützt – und, wie man annahm, die Weißen vor ihnen. Der Landverkauf von Indianern an Weiße durfte nur über die Regierung, nicht direkt über Privatpersonen erfolgen. Der Handel wurde reguliert, insbesondere der mit Alkohol. Die Assimilierung fand einzig in der Verbreitung der Standards europäischer Kultur und Erziehung eine Fortsetzung. Das Recht des Landbesitzes der Indianer wurde weiterhin offiziell nicht angetastet.
Dabei förderte die Regierung die Ausbreitung der Siedler auf dem Kontinent. Einige Stammesführer versuchten, Teil der Gesellschaft zu werden und sich damit vor Vertreibung und Enteignung zu schützen. Das galt vor allem für die „Fünf Zivilisierten Nationen“, also die Cherokee, Choctaw, Chickasaw, Muskogee und die Seminolen. Doch ebenso wie Weiße lehnten auch viele Indianer die Anpassung an die fremde Kultur ab. Die Föderation der Creek oder Muskogee zerfiel in zwei Teile, die sich bekämpften. Die Cherokee hingegen entwickelten ein Herrschafts- und Rechtssystem nach amerikanischem Vorbild, bauten Schulen und kleideten sich entsprechend. Mit dem Cherokee Phoenix gaben sie sogar 1828 die erste eigene Zeitung heraus.
Umsiedlung in den Westen
Am 28. Mai 1830 unterzeichnete Präsident Andrew Jackson das von ihm forcierte Entfernungs- oder Umsiedlungsgesetz (Indian Removal Act). Es autorisierte den Präsidenten, Distrikte westlich des Mississippi festzulegen, in die die Indianer, auch ohne deren Einverständnis, umgesiedelt werden konnten. Zu Beginn wurden kleinere Stämme der Ostküste umgesiedelt, später waren besonders die Fünf Zivilisierten Nationen betroffen. Allein bei der Umsiedlung der Cherokee starben etwa 8.000 Menschen – dieses Ereignis ist Teil einer staatlich organisierten Vertreibung und Deportierung, die als Pfad der Tränen in die Geschichte eingegangen ist. Eine kleine Gruppe der Cherokee unter John Ross sowie die Seminolen Floridas unter Osceola leisteten beträchtlichen Widerstand. Alleine die Unterwerfung der Seminolen, die sich in den Sümpfen Floridas versteckt hielten, kostete die USA 1.500 Soldaten und geschätzte 20 Millionen Dollar, die Zahl der getöteten Seminolen ist nicht bekannt. Nachkommen von Splittergruppen der Cherokee und der Seminolen leben noch heute in ihren angestammten Gebieten.
Zwischen dem Indian Removal Act von 1830 und dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865) wurden insgesamt 50 Stämme ihrem traditionellen Lebensraum entrissen, weit über 50.000 Menschen zogen westwärts, von ihnen starb weit mehr als ein Viertel. Dabei trafen die Überlebenden auf völlig neue klimatische und landschaftliche Bedingungen, ihre ökonomische Situation war katastrophal.
Abdrängung in Reservate
Es kursierten diverse Vorschläge für einen indianischen Staat im Westen, der als US-Bundesstaat in die USA integriert werden sollte. Etliche solche Vorschläge wurden im Kongress diskutiert. Keiner fand jedoch genügend Zustimmung, um sich durchsetzen zu können.
Lange Zeit galt der Mississippi als Grenze der weißen Besiedlung. Nun strömten die Siedler in immer größerer Zahl über den Fluss. Das Land der Indianer schrumpfte weiter. Die Siedler rechtfertigten ihre Expansionspolitik nicht mehr durch das Entdeckerprinzip, sondern durch das Prinzip der besseren Landnutzung. Dies führte im äußersten Westen zu einer Reihe von Verträgen, die der Gouverneur des Territoriums Washington ab 1854 mit zahlreichen Stämmen abschloss, und in denen meist mehrere Stämme für einzelne große Reservate vorgesehen waren.
1858 erklärte der „Kommissar für indianische Angelegenheiten“, so könnte man Commissioner of Indian Affairs übersetzen, das neu geschaffene Reservationssystem. Dabei sollten Indianer so lange in kleinen Reservaten konzentriert werden, bis sie sich selbst in der Zivilisation durchschlagen konnten. Im Übrigen waren die Reservate für die Weißen geschlossen, nur einige Beamte wurden zugelassen.[3]
Militärischer Druck und die Abschlachtung der Büffel, die vielen Stämmen des Mittleren Westens als Lebensgrundlage dienten und 1884 endgültig von den Great Plains verschwanden, trieb bis 1877 beinahe alle Indianer in die Reservate, obwohl einige Apachen bis zur Mitte der 1880er Jahre Widerstand leisteten. Es war für die amerikanische Politik schwer begreiflich, dass die lockeren Binnenstrukturen der Stämme, die man sich als feste Gruppen vorstellte, so etwas wie einen Vertrag zwischen Staaten gar nicht zuließen. Dies galt insbesondere für die Reiternomaden des Mittleren Westens, die meist in kleinen Gruppen lange Widerstand leisteten.
Bereits 1871 hatte die langjährige Praxis der Regierung geendet, mit den Indianern Verträge abzuschließen, mit der Begründung, dass diese keine organisierte Regierung hätten. Somit wurden sie nicht mehr als rechtmäßige Besitzer ihres Landes akzeptiert, sondern als Mündel des 1824 gegründeten Bureau of Indian Affairs (BIA), einer Behörde des Kriegsministeriums, die die Indianerreservate treuhänderisch verwaltete. Sie unterstand bald dem Innenministerium. Die Reservate waren nun nicht mehr Gebiete in indianischem, sondern in öffentlichem Besitz, die durch die Regierung für die Indianer zur Benutzung bereitgestellt wurden. Im Gegensatz zu Kanada entstanden großflächige Reservationen, in denen meist mehrere Stämme wohnten, auch solche, die sich kulturell sehr stark unterschieden.
Fortan gerieten die Indianer unter einen enormen Anpassungsdruck. Die Regierung, vertreten durch das BIA, handelte nach dem Motto: „Töte den Indianer in ihm und rette den Menschen“ (Richard H. Pratt[4]). Jegliche politische, wirtschaftliche und kulturelle Eigenständigkeit wurde ihnen aberkannt. Nach dem Vorbild der 1879 gegründeten U.S. Training and Industrial School in Carlisle Barracks, Pennsylvania entstanden rund 150 Boarding Schools[5], Schulen, in denen die Kinder ihre Muttersprache nicht gebrauchen und ihre Kultur nicht ausüben durften. Sie lagen außerhalb der Reservate, um den Anpassungsprozess zu beschleunigen. Die Krankheits- und Sterberaten waren hoch, die psychischen Folgen dieses Jahrzehnte bestehenden Systems sind erst in einem frühen Stadium der Aufarbeitung. Die kanadische Regierung entschuldigte sich 2008 für ihr analoges Schulsystem.
Die Lebensverhältnisse in den Reservaten waren von Hunger, Abhängigkeit, Demoralisierung und inneren Konflikten geprägt.
Zusammenbruch der Bevölkerung, Verdrängung im Westen
Gegen den Zusammenbruch der Bevölkerung wurde von der Regierung nur wenig unternommen, wenn es auch zu Pockenimpfungen kam. Diese Epidemien eilten der eigentlichen Besiedlung von Anfang an und oftmals Jahrzehnte voraus. Sie dezimierten etwa ab 1775 bereits die indianische Bevölkerung an der Pazifikküste. Insgesamt wurde die Zahl der Indianer während der Kolonisierung durch eingeschleppte Krankheiten, Unterernährung, Alkohol, gewaltsame Umsiedlungen, Kriege, Traumatisierung und Zerstörung der sozialen Verbände stark dezimiert, zahlreiche Gruppen verschwanden oder lösten sich in anderen Verbänden auf. Allein bei der Umsiedlung von 70.000 Indianern aus dem Südosten erreichten rund 20.000 den Bestimmungsort nicht oder starben kurz darauf. Verheerend wirkte sich auch der Goldrausch in Kalifornien aus. Zwischen 1850 und 1906 sank die dortige indianische Bevölkerung von 100.000 auf 20.000.
Um die Besiedlung zu fördern, öffnete der Donation Land Claim Act[6] ab 1850 das Territorium Oregon für Siedler. Dies stand formal nicht im Widerspruch zum Intercourse Act von 1834, der weißen Siedlern den Zutritt zu Reservaten verbot, denn diese wurden erst ab 1855 eingerichtet. Das Whitman-Massaker war der Auftakt zum ersten Indianerkrieg in der Region, dem Cayuse-Krieg, der von 1848 bis 1855 dauerte, und dem rund drei Jahrzehnte der Kämpfe folgten. Dabei betrachtete die Regierung die Indianer formal nie als Kriegsgegner und so kam es zu Hinrichtungen wegen Gewaltverbrechen. Ab 1850 mussten sie sukzessive die fruchtbaren Küstengebiete räumen.
Enteignung von nach Regierungsauffassung ungenutztem Land
Präsident Abraham Lincoln unterzeichnete 1862 den Homestead Act. Dieses Gesetz erlaubte es jedem Erwachsenen, sich auf einem unbesiedelten Stück Land niederzulassen, sich ein 160 Acre (etwa 640.000 m²) großes Land anzueignen und es zu bewirtschaften. Nach fünf Jahren wurde er automatisch zum Eigentümer. Für 1,25 Dollar pro Acre konnte diese Frist auf ein halbes Jahr verkürzt werden. Dieses Gesetz legitimierte die Enteignung der traditionellen Territorien, traf vor allem nomadische Gruppen und förderte die verstärkte Abdrängung in Reservate. Es leistete Betrug Vorschub und führte zu zahllosen Konflikten, in denen die Gerichte fast immer auf Seiten der Siedler standen.
General Allotment Act: Politik der Landzuweisung, 1887 bis 1933
Nun begann das, was Frederick Hoxie das „finale Versprechen“ genannt hat, die letzte Stufe der Assimilation.[7] Nachdem die Indianer besiegt und in Reservate gesperrt worden waren, war die Indianerpolitik vom jeweiligen Präsidenten und der ihn tragenden Partei und vom Vorsteher des BIA geprägt. In verschiedenen Versuchen sollte das Indianerproblem gelöst werden, das heißt die Kosten für die Indianer minimiert und allfällige juristische Klagen wegen unrechtmäßiger Landaneignung vermieden werden. Diese Versuche scheiterten jedoch.
1877 schlug mit der Ingalls Bill ein erster Versuch fehl, den Indianern die Staatsbürgerschaft einzuräumen. Viele von ihnen fürchteten, damit ihre vertraglichen Rechte einzubüßen. Darüber hinaus erkannten sie das Vorhaben als weiteren Schritt zur Auflösung der Stämme und zur Privatisierung ihres Landes. So etwa dachten Angehörige der Choctaw und Chickasaw, der Seminolen und Creek.[8]
1887 bestätigte sich diese Befürchtung. In diesem Jahr verabschiedete die Regierung mit dem Dawes General Allotment Act ein Gesetz, das einschneidende Veränderungen brachte. Bis dahin galt das Land für die Indianer als Gemeingut, das alle nutzen konnten. Der General Allotment Act zerstückelte es in kleine Parzellen und verteilte es auf die einzelnen Familien. Jedes Familienoberhaupt – dies war grundsätzlich ein Mann – erhielt 40, 80 oder 160 acres (16, 32, 64 Hektar) Land. Neben der Landparzellierung sollten weitere Maßnahmen die Indianer im Schmelztiegel USA aufgehen lassen. Zum Schutz vor Landspekulanten durften die Indianer ihr Land 25 Jahre lang nicht verkaufen. Dennoch mischte sich das BIA weiterhin in das Leben der Bewohner ein und bestimmte bis in die persönlichsten Dinge, wie die Details der Religionsausübung. Zwar hatte es vor 1887 bereits rund 11.000 allotments gegeben, doch nun begann ein massiver Besitzverlust. Hatten Indianer 1881 noch 155.632.312 Acre Land besessen, so waren es, trotz Restriktionen, im Jahr 1900 nur noch 77.865.373.
Die Indianer begannen sich zunehmend auf der juristischen Ebene zur Wehr zu setzen. Doch der Fall Lone Wolf v. Hitchcock von 1903 zeigte, dass die Regierung auch dann ihre Allotment-Politik durchsetzen wollte, wenn sie Vertragsrecht brach. Mit dem Burke Act von 1906 endete die Trust-Periode, in der das privatisierte Land durch das BIA verwaltet wurde, für competent Indians. Für die als incompetent eingestuften bestand dieser Status weiterhin. Hier tat sich besonders Commissioner Cato Sells hervor, der einfach alle für competent erklärte, die zur Hälfte Nichtindianer waren, oder die eine Boarding School absolviert hatten (Declaration of Policy in the Administration of Indian Affairs, 1917).
1924 erhielten die Indianer in Fortführung dieser Assimilationspolitik durch den Indian Citizenship Act das Bürger- und damit auch das Wahlrecht. Doch hatten sie, nach Verlusten insbesondere nach dem Verstreichen der 25 Schutzjahre, im Jahr 1934 von den rund 150 Millionen Acre Land kaum noch 52 Millionen in Besitz.[9]
John Collier, ein Sozialarbeiter im Gebiet der Pueblo-Indianer setzte sich ab 1924 grundsätzlich gegen die Assimilationsideologie zur Wehr und sammelte Beschwerden über Landenteignungen, zu niedrige Preise für Rohstoffe, fehlende Religionsfreiheit im Reservat, schlechten Unterricht in den Schulen und Missmanagement der paternalistischen Indianerfinanzen durch das BIA. 1926 bis 1927 kam es zu einer Untersuchung deren Ergebnisse 1928 publiziert wurden (The Problem of Indian Administration). Der Bericht bestätigte die Vorwürfe, doch die daraus abgeleiteten Vorschläge wurden von der Hoover-Regierung nicht umgesetzt.
Indian Reorganization Act: Politik des kulturellen Pluralismus 1933–1953
John Collier, der die Politik des BIA so scharf kritisiert hatte, wurde 1933 zum Indian commissioner (1933–1945). Er brachte Notprogramme auf den Weg, wie die Public Works Administration, die für Arbeit und entsprechende Erfahrung in den Reservaten sorgten.
1934 wurde der Indian Reorganization Act verabschiedet, das grundsätzlich kulturellen Pluralismus erstmals akzeptierte. Er verbot alle weiteren Parzellierungen von Reservatsland und förderte Stammesunternehmen. Jedes Reservat sollte eine eigene Verfassung und eine demokratisch gewählte Stammesregierung erhalten. Die Selbstbestimmung war trotzdem sehr eingeschränkt; die eigentliche Macht blieb vielfach beim BIA.[10] Zudem gerieten damit traditionelle Wege der Entscheidungsfindung und der Machtausübung, und dazu gehörende Macht- und Prestigestrukturen in Konflikt. Ab 1938 geriet Collier in die Defensive. Während des Krieges versuchte er gesamtindianische Kampfeinheiten zu propagieren, da während dieser Zeit alles dem Krieg untergeordnet wurde, und die Indianerfrage ihre Bedeutung zeitweise verlor. Er konnte aber nicht verhindern, dass die Zentrale des BIA 1942 nach Chicago umzog. 1945 trat er zurück.
Termination: Politik der Auflösung, 1953 bis 1968 bzw. 1975
Mit Dillon S. Myer als Indian commissioner (1953-1955) änderte sich die Indianerpolitik erneut, wenn er auch durch einen Regierungswechsel aufgehalten wurde. Betreiber der nun einsetzenden Veränderung wurde stattdessen Senator Arthur V. Watkins aus Utah, Chairman des Senatskomitees für Indianerangelegenheiten.
Im August 1953 trat die House Concurrent Resolution 108 in Kraft, die die Aufgabe jeglicher staatlicher Verantwortung für die Indianer vorsah. Die verschiedenen Stämme sollten aufgelöst, die Indianer als normale Bürger behandelt werden. Diese Ära ging als Termination in die Geschichte ein, da sie die Indianer als separate Gruppe auslöschen sollte.
Gefördert wurde vor allem die Umsiedlung in die Städte. Als Folge wurde ihr bisheriges Land von weißen Farmern oder von Bergbauunternehmen gepachtet oder von der Regierung beansprucht. In den Städten lebten die Indianer oftmals ohne Perspektive und isoliert, und sie waren zugleich mit rassistisch motivierter Ablehnung konfrontiert. So entstanden Indianerslums. In Alaska wurden die Reservate, sieht man von Metlakatla ab, aufgelöst. Letztlich scheiterte die Terminationspolitik an kulturellen Widerständen.
Der National Congress of American Indians unterschätzte diesen Angriff auf die Souveränität der indianischen Nationen zunächst, bekämpfte ihn aber dann landesweit. Indian Commissioner Glenn L. Emmons (1953–1961) förderte die Abwanderung in die Städte verstärkt, die in der überwiegenden Zahl der Fälle auch ohne Förderung geschah, denn die Verhältnisse in den Reservaten waren oftmals desolat. Als einer der besonderen Auswüchse „wohlmeinender“ Indianerpolitik gilt das Indian Adoption Project, bei dem rund 400 Kinder zwangsweise zur Adoption freigegeben wurden.
Indian Self Determination Act: Politik der Selbstbestimmung (seit 1975)
Bereits 1961 begann eine Gegenbewegung, die mit der Wahl John F. Kennedys zusammenhängt. Innenminister Stewart L. Udall stellte eine Untersuchung an und kam zu dem Ergebnis, dass die Indianerpolitik an drei Punkten geändert werden müsse: ökonomische Eigenständigkeit, größere Partizipation und Gleichberechtigung als Bürger. Noch im selben Jahr verurteilte die Commission on Rights, Liberties, and Responsibilities of American Indians die Terminationspolitik. Eine Versammlung von 450 indianischen Führern in der University of Chicago proklamierte im Juni 1961 entsprechende Forderungen. Kennedy wählte als Indian commissioner Philleo Nash (1961–1966). Er griff das Versorgungsmonopol des BIA an. Bis Mitte 1968 existierten bereits 63 Hilfsprogramme in 129 Reservaten. Auf Weisung von Präsident Johnson entstand 1968 ein National Council on Indian Opportunity, um diese zahlreichen Aktivitäten zu koordinieren. Seinen Vorsitz führte Vizepräsident Hubert Humphrey. Im Wahlkampf von 1968 forderte Richard M. Nixon den endgültigen Abschied von der Termination.
Währenddessen wurde der indianische Widerstand militanter. Das American Indian Movement organisierte Fisch-ins, besetzte Alcatraz (vom 20. November 1969 bis zum 10. Juni 1971), das Gebäude des BIA, Wounded Knee. Immer wieder kam es zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen Traditionalisten und ihren Gegnern. Die Red-Power-Bewegung erhöhte den Druck, die Regierung unterstützte gemäßigte Gruppen, um sie zu isolieren. Eine American Indian Policy Review Commission bereitete eine drastische Gesetzesänderung vor. Ihr Abschlussbericht von 1977 forderte dringlich einen Vertreter für indianische Angelegenheiten im Weißen Haus, eine Forderung der Präsident Jimmy Carter noch im selben Jahr nachkam.
Mit dem Indian Self Determination Act von 1975 erhielten die Indianer zahlreiche Rechte zurück. Etliche Stämme versuchten, ihr Leben nach Möglichkeit auf ihre Traditionen auszurichten, doch sie leben vielfach in großer Armut, da es etwa im Mittleren Westen nebst der Pferde- und Büffelzucht kaum traditionelle Erwerbsquellen gibt. Der Fischfang wurde ihnen vielfach nur für die Deckung des Eigenbedarfs erlaubt, so dass eine kommerzielle Nutzung lange ausgeschlossen war.
Die Indianerreservate nutzen ihren Sonderstatus, um dank einer stabileren wirtschaftlichen Situation ihre traditionellen Stammesstrukturen zu stärken. Mittlerweile verfügen viele Stämme über Indianerkasinos. Da Glücksspiele in vielen Bundesstaaten außerhalb der Reservate verboten sind, werfen diese Unternehmen in Gebieten ohne Konkurrenz erhebliche Gewinne ab. Mit den Gewinnen verbessern die jeweiligen Stämme ihre soziale Situation und kaufen Land zurück. Die Gesundheitsversorgung wird verbessert, Schulen und bessere Häuser werden gebaut und die Traditionen, zum Beispiel die Stammessprache, mit speziellen Programmen gestärkt. Besonders erfolgreich sind dabei die Oneida.
Zahlreiche Auseinandersetzungen sind seit langem vor Gericht anhängig. So versuchen indianische Gruppen die geschlossenen Verträge geltend zu machen, die sie im 19. Jahrhundert mit den USA abgeschlossen haben. Oftmals erhielten sie aber das umstrittene Land nicht zurück, sondern nur eine geringe Entschädigung. Die Lakota haben eine solche für die Black Hills abgelehnt, da sonst ihre Ansprüche auf dieses Land für immer zunichte gemacht würden. Den Westlichen Shoshone im goldreichen Nevada gelang es hingegen nicht, ihre vertraglich abgesicherten Ansprüche auf etwas mehr als die Hälfte des Bundesstaates zu behalten. Nach jahrzehntelangem Kampf gegen die Auszahlung von „treuhänderisch“ verwalteten Entschädigungsgeldern mussten sie 2004 nach der Niederlage in manipulierten Stammesabstimmungen eine oktroyierte Geld-für-Land-Regelung hinnehmen.
Mit der Gründung des American Indian Movement AIM („Bewegung Amerikanischer Indianer“) 1968, die besonders von städtischen Indianern in Minneapolis und Cleveland ausging, wurden von einigen jungen Indianern vor allem in den frühen 1970er Jahren auch militantere Methoden angewandt, um ein neues Selbstbewusstsein bis hin zu einem autonomen Status der Reservate zu propagieren und durchzusetzen. Internationale Öffentlichkeit erhielt das AIM durch einige spektakuläre Aktionen wie dem „Trail of Broken Treaties“ (Pfad der gebrochenen Verträge), der zur kurzzeitigen Besetzung des Bureau of Indian Affairs führte, oder mit der Besetzung des Dorfes Wounded Knee im Pine-Ridge-Reservat 1973, wo die Aktivisten des AIM die unabhängige Oglala-Nation ausgerufen hatten. Die Besetzung wurde nach einigen Wochen von FBI und Armee militärisch niedergeschlagen. Das AIM legte später seine Militanz ab und versucht, spezifisch indianische Interessen, mehr Selbstbestimmung und traditionelle Werte der Indianer zu vertreten.
Immer bedeutender wurde der Protest internationaler Organisationen wie der UNO. Indianische Vertreter reisten nach Genf, um in speziell für Indigene gegründeten Arbeitsgruppen ihre Klagen vorzutragen. Vom United Nations Committee on the Elimination of Racial Discrimination (CERD) wurde am 10. März 2006 gegen die USA der Vorwurf der fortgesetzten Diskriminierung und Missachtung indigener Rechte des Volkes der Westlichen Shoshone erhoben. Die USA wurden aufgefordert, entsprechende Schritte zur Beendigung der Diskriminierung einzuleiten. Gegen den Widerstand Kanadas, der USA, Australiens und Neuseelands, verabschiedete die UNO am 13. September 2007 eine Resolution, in der nicht nur die Beseitigung jeder Benachteiligung indigener Völker sowie das Recht auf Mitsprache in sie betreffenden Angelegenheiten gefordert wurde, sondern auch das Recht „anders zu bleiben“ (to remain distinct).[11]
1996 reichten Elouise Pepion Cobell und Earl Old Person, Angehörige der Blackfeet aus Montana, Mildred Cleghorn, eine 1997 verstorbene Apachin, Thomas Maulson von den Lac du Flambeau band of Lake Superior Chippewa Indians aus Wisconsin, und James Louis LaRose, Winnebago, eine Sammelklage ein (Cobell v. Salazar).[12] Darin wird den Treuhänderfonds, die 1896 eingerichtet worden waren, vorgeworfen, sie um Gelder gebracht zu haben, die für Nutzungsrechte in den Reservaten an den Fonds gezahlt wurden. Dabei handelt es sich um Rohstoffexploratoren, die nach Öl und Gas, Uran und Kohle suchten, aber auch um Weiderechte, Forstwirtschaft und Abholzung. Das Innenministerium der Vereinigten Staaten ist zuständig für diese Fonds, und damit richtete sich die Klage. Im Dezember 2009 bot das Inneinministerium den Klägern einen Vergleich an, in dem 1,4 Milliarden Dollar an die Begünstigten des Fonds ausgeschüttet und weitere 2 Milliarden Dollar für den Ankauf von durch Erbteilung zersplittertes Grundeigentum bereitgestellt werden. Daraus sind bis zu 60 Millionen zur Finanzierung von Bildungsprogrammen vorgesehen.[13] Präsident Obama hatte bereits im Wahlkampf in einer Ansprache an die von ihm so genannten „First Americans“ „ein Jahrhundert des Missmanagements“ beklagt, und hierin eine Änderung zugesagt.[14]
Siehe auch
- Indianer Nordamerikas
- Indianerkriege
- American Indian Movement
- Chronologie der Rassengesetze der Vereinigten Staaten
- Geschichte der First Nations
Einzelnachweise
- ↑ Reginald Horsman: United States Indian Policies, 1776-1815. In: Handbook of North American Indians, Nr. 4. 1988, Smithsonian Institution, Washington.
- ↑ Anthony F. C. Wallace: Jefferson and the Indians: The Tragic Fate of the First Americans, Cambridge, Mass.: Belknap Press 1999.
- ↑ William T. Hagan: United States Indian Policies, 1860-1900. In: Handbook of North American Indians, Nr. 4. 1988, Smithsonian Institution, Washington.
- ↑ “Kill the Indian, and Save the Man”: Capt. Richard H. Pratt on the Education of Native Americans, History Matters
- ↑ David Wallace Adams: Education for Extinction: American Indians and the Boarding School Experience, 1875–1928, Lawrence: University Press of Kansas, 1995.
- ↑ Der Text des Gesetzes
- ↑ Frederick E. Hoxie: The Final Promise: The Campaign to Assimilate the Indians, 1888–1920, Lincoln: University of Nebraska Press, 2001.
- ↑ Bruce Elliott Johansen: The encyclopedia of Native American legal tradition, Greenwood Publishing Group, 1998, S. 137f.
- ↑ Janet A. McDonnell: The Dispossession of the American Indian, 1887–1934, Bloomington: Indiana University Press, 1991.
- ↑ Lawrence C. Kelly: United States Indian Policies,1900-1980. In: Handbook of North American Indians, Nr. 4. 1988, Smithsonian Institution, Washington.
- ↑ Vgl. United Nations adopts Declaration on Rights of Indigenous Peoples (www.un.org).
- ↑ Die ursprüngliche Klage findet sich hier (PDF, 40 kB).
- ↑ Obama Admin Strikes $3.4B Deal in Indian Trust Lawsuit , in: New York Times, 8. Dezember 2009. Näheres findet sich hier.
- ↑ Barack’s Message for First Americans
Literatur
- Vine Deloria: American Indian policy in the twentieth century, University of Oklahoma Press 1992
- Donald L. Fixico: The Invasion of Indian Country in the Twentieth Century: American Capitalism and Tribal Natural Resources, Niwot: University Press of Colorado, 1998.
- Klaus Frantz: Die Indianerreservationen in den USA. Aspekte der territorialen Entwicklung und des sozio-ökonomischen Wandels. Erdkundliches Wissen. Bd 109. Steiner, Stuttgart 1995. ISBN 3-515-06217-3
- Colin Gordon Calloway: One Vast Winter Count: The Native American West Before Lewis and Clark (History of the American West), University of Nebraska Press 2003
- Susanne von Karstedt: Akteure, Ideologien, Instrumente: Grundzüge der US-amerikanischen und argentinischen Indianerpolitik (1853–1899) im Vergleich, Wissenschaftlicher Verlag: Berlin 2006
- Robert M. Kvasnicka, Herman J. Viola (Hrsg.): The Commissioners of Indian Affairs, 1824–1977, Lincoln: University of Nebraska Press, 1979.
- Francis Paul Prucha: The Great Father: The United States Government and the American Indians, 2 Bde, Lincoln: University of Nebraska Press 1995
- Jane E. Simonsen: Making Home Work: Domesticity and Native American Assimilation in the West, 1860–1919, Chapel Hill: University of North Carolina Press 2006