Johannes Friedrich

Dieser - Artikel beschäftigt sich mit dem evangelischen Landesbischof Johannes Friedrich, für weitere Personen siehe Johannes Friedrich (Begriffsklärung).

Johannes Friedrich (* 20. Juni 1948 in Bielefeld-Gadderbaum) ist ein deutscher Evangelisch-Lutherischer Theologe, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)[1] und engagierter Vertreter der Ökumene in Deutschland.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Johannes Friedrich ist ein Sohn des Lehrstuhlinhabers für Evangelische Theologie Gerhard Friedrich, ist in Erlangen aufgewachsen und absolvierte das Abitur 1967. Er ist verheiratet und Vater zweier Töchter.

Friedrich ist gesellschaftlich engagiert als Angehöriger der Rotarier, im Kuratorium von Christival[2] und im Kuratorium der Eugen-Biser-Stiftung.

Als Geistlicher hat Johannes Friedrich sowohl als Evangelischer Theologe und Seelsorger gewirkt wie eine Vielzahl bedeutsamer Ämter wahrgenommen. Neben seinem theologischen Wirken, tritt sein diakonisches und sozialpolitisches Engagement hervor. Es ist ihm ein Grundanliegen, sowohl Menschen in ihren unterschiedlichen Lebenslagen Mut zu machen als auch die Menschenrechte und die Menschenwürde zu schützen.

Wirken

Ev.-Luth. Theologe, Pfarrer und Studentenpfarrer

Nach dem Studium der Evangelischen Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg und der Universität Tübingen war er bis zur Promotion Wissenschaftlicher Assistent bei Peter Stuhlmacher in Tübingen. Bischof i.R. Dr. Walter Klaiber, Gastprofessor an der Emory University in Atlanta (USA), war als Assistent sein Vorgänger bei Ernst Käsemann.

Friedrich promovierte über das Thema Gott im Bruder. Eine methodenkritische Untersuchung von Redaktion, Überlieferung und Traditionen in Mt 25, 31-46,[3] [4] erschienen als Calwer Theologische Monographien Bd. 7. Hier zeigt sich seine theologische Grundposition von der politischen Theologie über die Ökumene bis zur pastoralen Nähe zum Menschen, vor allem bei Menschen, die in existentieller Not sind. Es ist ihm ein Grundanliegen, die Menschen zu stärken, eine im Kern dialogische Theologie. Friedrich versucht nachzuweisen, daß Mt 25, 31-46 auf Jesus zurückgeht: Gott im Bruder zu lieben, heißt, Gott nicht sterben zu lassen.[5]

Am 13. November 1977 wurde Johannes Friedrich ordiniert. Ab 1979 war er Pfarrer in Nürnberg an St. Egidien und zugleich ev. Studentenpfarrer der Universität Erlangen-Nürnberg und der Fachhochschulen in Nürnberg.

Propst in Jerusalem und Dekan in Nürnberg

1985–1991 wurde er als Propst an die Erlöserkirche nach Jerusalem berufen.[6] Die Verleihung des Titels „Propst“ geht auf Kaiser Wilhelm II. zurück anlässlich der Einweihung der Erlöserkirche im Jahr 1898. Dieser ist der Repräsentant der EKD in Israel, im Westjordanland und in Jordanien. Seine Aufgaben sind vergleichbar mit denen eines Weihbischofs in der anglikanischen Kirche oder eines Bischofs in orthodoxen Kirchen. Propst Johannes Friedrich pflegte den interreligiösen Dialog mit einer Vielzahl christlicher Religionsgemeinschaften.

Ab 1991 bekleidete Dekan Johannes Friedrich das Amt des Evangelischen Dekans in Nürnberg. Er war damit Leiter des Nürnberger Dekanatsbezirks.

Herausgeber

Johannes Friedrich ist Mitherausgeber von zeitzeichen – Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft, zusammen mit Katrin Göring-Eckardt, Wilfried Härle, Wolfgang Huber, Eberhard Jüngel, Margot Käßmann, Manfred Kock, Klaus-Dieter Kottnik und Michael Weinrich.[7] Ferner ist Friedrich Mitherausgeber von chrismon. Das evangelische Magazin, zusammen mit Hermann Gröhe, Wolfgang Huber und Margret Käsmann. Die Zeitschrift erscheint monatlich als Beilage in Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Mitteldeutsche Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Schweriner Volkszeitung und Der Tagesspiegel.

Internationales Engagement

  • Johannes Friedrich ist der Nahost-Beauftragte des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zum 50. Jubiläum der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und Israel (ELCJHL) gratulierte Friedrich im Namen der EKD: Anfangs war ich der Meinung, die Lutherische Kirche gehöre nicht ins Heilige Land. (…) Doch dann lernte ich, dass es wichtig ist, dass es die örtliche Lutherische Kirche gibt. Im Zentrum der Arbeit steht die Bildungsarbeit.[8] Entstanden ist die orientalische Kirche im 19. Jahrhundert. Deutsche und englische Christen unterstützten die christliche Minderheit in Palästina, meist deutsche Protestanten. Erster arabisch-lutherischer Bischof wurde Daud Haddad. Ihm folgten Naim Nassar und der aktuell amtierende Munib Younan.[9]
  • Auf Einladung des Chinesischen Christenrates[10] unternahm Johannes Friedrich 2007 eine Besuchreise nach China und besuchte die St.-Pauls-Kirche in Nanjing (China). Die evangelische Kirche in China wächst nach Darstellung des Chinesischen Christenrats rasant. Unter den rund 1,3 Milliarden Chinesen seien inzwischen rund 16 Millionen regelmäßige Besucher protestantischer Gottesdienste, berichtete die Vorsitzende des Christenrats, Pastorin Cao Shengjie. Vor rund 50 Jahren habe es nur etwa 700.000 Christen gegeben.[11]

Bischofsämter

Ev. Landesbischof in Bayern

Am 24. April 1999 wurde Dekan Johannes Friedrich zum Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, der drittgrößten Landeskirche der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), gewählt.[13] Von 2000 bis 2005 war er Catholica-Beauftragter der VELKD und gehört seitdem dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland an. Beim Papstbesuch in Deutschland 2006 zelebrierten Johannes Friedrich und Benedikt XVI. eine ökumenische Vesper im Regensburger Dom.

Anlässlich seines 60. Geburtstages würdigten Vertreter aus Politik und Kirche seine Fähigkeit, Brücken zu bauen und den Glauben zu vermitteln. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, hob als pastorales Anliegen von Johannes Friedrich hervor die “große Standfestigkeit” und “die Lebendigkeit der lutherischen Tradition für die christliche Existenz im 21. Jahrhundert zu bezeugen”. Im Glückwunschschreiben des Bayerischen Landtagspräsidenten heißt es: Sie geben nicht nur den evangelischen Christen, sondern allen, die nach Orientierung und Standpunkten suchen, Impulse und Hilfestellungen durch Ihre klaren eigenen Positionen. Dabei scheuen Sie nicht die Kontroverse, aber Ihnen ist immer mehr Vertrauen zugewachsen, weil Aussage und Person übereinstimmen und die Aussagen fundiert sind.[14]

Ltd. Bischof der Vereinigten Ev.-Luth. Kirche Deutschlands

Am 17. Oktober 2005 wurde Friedrich von der Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands zu deren leitendem Bischof gewählt und vertritt 10,4 Millionen Gläubige. Aufgrund dieser Wahl ist Dr. Friedrich Vorsitzender des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes (DNK/LWB), mit Sitz in der Reformationsstadt Wittenberg. Die Arbeit in Wittenberg sieht Friedrich als Beitrag zur Gemeinschaftsbildung und Versöhnung der christlichen Kirchen (…), um vertrauensvolle und belastbare Kontakte zu Christinnen und Christen in aller Welt aufzubauen (…) um eine stark ökumenisch orientierte Arbeit, um die Zuarbeit für die lutherischen Kirchen weltweit und für alle anderen Christen, die an der Reformation interessiert seien.[15] 1947 in Lund (Schweden) gegründet, zählt der Lutherische Weltbund[16] inzwischen 140 Mitgliedskirchen, denen 68,5 Millionen Christinnen und Christen in 79 Ländern angehören.[17]

Gemeindeaufbau und Ökumene

Ev. Aussiedlerseelsorge

Die Integration der russlanddeutschen Aussiedler in Kirche und Gesellschaft ist nach Einschätzung von Johannes Friedrich noch lange nicht abgeschlossen. Friedrich stellte am Rande des Bayerischen Kirchentages 2009 die Broschüre …mittendrin… der Öffentlichkeit vor. Sie schildert die Arbeit der bayerischen Aussiedlerseelsorge, die seit 20 Jahren besteht. Die russlanddeutschen Aussiedler sind eine Bereicherung für unsere bayerischen Gemeinden, sagte Friedrich. In der Kirche bestünde ausreichend Raum für andere Frömmigkeit, andere Traditionen und andere Lebensgeschichten. In manchen Gemeinden stellen die Rußlanddeutschen mehr als die Hälfte der Mitglieder.[18]

Zusammenleben zwischen den christlichen Kirchen

  • Landtagspräsident Alois Glück würdigte den Einsatz des Landesbischofs für die Ökumene: Für das Zusammenleben der Menschen und für die Glaubwürdigkeit der christlichen Kirchen ist gelebte Ökumene von zentraler Bedeutung. Sie, Herr Landesbischof, sind einer der großen Brückenbauer zwischen den evangelischen und katholischen Christen und ihren Kirchen. Die eigene Überzeugung verbinden Sie mit Einfühlungsvermögen in die Position und die Situation des anderen.[14]
  • Gehen Baptisten und Lutheraner auf eine Kirchengemeinschaft zu? Anzeichen dafür gibt es in einem Konvergenzdokument mit dem Titel Voneinander lernen – miteinander glauben der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden. Wie es in einer gemeinsamen Presseerklärung heißt, hatte eine lutherische-baptistische Arbeitsgruppe seit 2003 theologische Lehrgespräche geführt. Johannes Friedrich würdigte das Abschlussdokument mit den Worten: Vielleicht haben Sie ein Stück Kirchengeschichte geschrieben.
  • 2007 wurde in Stuttgart bereits eine 20jährige Kirchengemeinschaft zwischen evangelischen Landeskirchen und der Evangelisch-methodistischen Kirche gefeiert. Die Kirchengemeinschaft zwischen unseren Kirchen gehört zu dem ökumenischen Aufbruch, den wir im 20. Jahrhundert erlebt und zum Teil selbst mitgestaltet haben, soweit Johannes Friedrich in seinem Grußwort.[19]
  • Für die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland hebt der römisch-katholische Münchner Erzbischof Reinhard Marx das Eintreten Friedrichs für die ökumenische Partnerschaft hervor. Im Glauben sind sich Katholiken und Protestanten, so Friedrich, näher gekommen. Die Differenzen sind nicht mehr kirchentrennend. Zehn Jahre nach der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre, mit der Gräben aus der Reformationszeit überwunden wurden, sei es an der Zeit, dass evangelischen Christen auf die “althergebrachten antikatholischen Ressentiments” verzichteten. Stattdessen sollten sie sich gemeinsam den Herausforderungen der modernen Gesellschaft stellen. Friedrich rief dazu auf, die verschiedenen Ausdrucksformen christlichen Glaubens zu akzeptieren. Diese Vielfalt sei keine Gefahr oder Verwässerung unserer Glaubensgrundsätze, sondern ein Reichtum.[20]

Zweiter Ökumenischer Kirchentag in München 2010

Als Landesbischof ist Friedrich Mitglied im Vorstand des 2. Ökumenischen Kirchentags und verbindet mit dem Kirchentag eine Kirche der Zukunft: Ich hoffe, dass schon während der Vorbereitung viele neue ökumenische Verbindungen und Projekte in den Gemeinden vor Ort entstehen, so dass wir während der vier Tage des Ökumenischen Kirchentags im Mai 2010 den Höhepunkt eines langen, positiven ökumenischen Prozesses feiern können,[21] wobei Friedrich für eine Ökumene der kleinen Schritte wirbt.

Bei der Diskussion um ein gemeinsamen Abendmahl steht hinter der katholischen Abendmahlsauffassung das Amtsverständnis der katholischen Kirche. Das könne nicht in München geklärt werden, zumal sich das Abendmahl nicht zur Provokation eignet, so Friedrich. Theologische Probleme durch das unterschiedliche Amtsverständnis von Pfarrern und geweihten Priestern könnten nicht ignoriert werden,[22] zumal die Ökumene keine Gleichmacherei sein dürfte. Ökumene müßte vielmehr dazu befähigen, den anderen in seinem religiösen Leben zu akzeptieren. Zum Credo der ökumenischen Partnerschaft gehöre der Respekt, dass Menschen ihren Glauben anders leben.[23]

60. Jahrestag des Grundgesetzes

Aus Anlass des 60. Jahrestages der Verkündigung des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland fand am 30. Mai 2009 ein ökumenischer Festgottesdienst im Bonner Münster statt. Eingeladen hat die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Bonn. Es zelebrierten vor allem Erzbischof Robert Zollitsch, Metropolit Augoustinos von Deutschland und der Bayerische Landesbischof. Johannes Friedrich bemerkte in seiner Predigt: Sechzig Jahre Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, das ist für unser Land ein Grund stolz zu sein und für uns als christliche Kirchen ein Grund, Gott dankbar zu sein. (…) Artikel 1 des Grundgesetzes, der die Würde des Menschen als unantastbar beschreibe, und die daraus folgenden Rechtsbestimmungen seien keine ideologische Festlegung, sondern ein Grundsatz, der dem christlichen Denken entstamme, aber für alle Menschen in Deutschland gültig und einsichtig sei. (…) Wir sollten in unseren ethischen Debatten über den Schutz des Lebens am Anfang und am Ende immer wieder auf diesen Grundsatz unseres Grundgesetzes rekurrieren.[24]

Theologische Reflexionen

Freiheit von der Sorge

Das Wort Jesu Macht euch keine Sorgen bedeute nicht, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Wo Sorgen nicht ernst genommen werden, da hat menschenverachtendes (…) Gedankengut leichtes Spiel, so Friedrich. Er wisse, welcher Druck auf Menschen laste. Zwar habe er keine Patentlösung, sondern nur die Zusage Jesu Sorgt Euch nicht. Aber die Freiheit von Sorge könne in die Aktivität führen. Hier bezieht sich Friedrich auch auf Dietrich Bonhoeffers, der ebenfalls dazu aufgerufen hatte, nicht nur auf sich selbst, sondern auf Jesus zu vertrauen:[25] Predigt und Kirchengesang brauchen einander und geben auf eigene Weise den Glauben weiter[26].

Gott nicht abschreiben

Friedrich sagte in seiner Karfreitagsansprache in der Regensburger St.-Oswald-Kirche, der sterbende Jesus am Kreuz zeige, dass Leid kein Betriebsunfall sei, sondern zur Lebenswirklichkeit gehöre. Gerade dort aber sei Gott anwesend, so der Landesbischof, der als Beispiele für schweres Leid den Amoklauf von Winnenden, den Inzestfall im österreichischen Amstetten sowie die Selbstmordanschläge im Irak nannte. Friedrich rief die von Leid erfüllten Menschen dazu auf, Gott anzurufen, aber nicht Gott abzuschreiben. Auch dann nicht, wenn sich viele in besonders schicksalhaften Situationen die Frage stellten: Wo warst Du, Gott?. Christen seien keine Unheilspropheten, sondern schöpften Mut aus ihrem Glauben an Jesus, der gestorben und auferstanden ist. Wir geben uns selbst, andere Menschen und diese Welt niemals auf, soweit Johannes Friedrich.[27]

Mozart als “Lob Gottes”

In der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) spiegele sich das Lob Gottes, so Johannes Friedrich anlässlich des Würzburger Mozartfestes. Das Bewusstsein der Menschen, “Geschöpfe Gottes” zu sein, mache sie selbstbewusst.[28]

Umgang mit dem Tod

Mit Tod und Sterben, so Johannes Friedrich, sind tiefe Ängste verbunden, ein schmerzhaftes Abschiednehmen. Gleichwohl geben sie die Chance, das Leben verantwortlich zu gestalten, zumal Zukunftsplanungen beinhalten können, daß es ganz anders kommen kann als zunächst erhofft. Insofern gewinnen für den Landesbischof die folgenden biblischen Gedanken einen hohen Stellenwert: Herr lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden. [29]

Theologische Positionen

Kirche, Geschichte und Gesellschaft

60. Jahrestag des Kriegsendes

In München wurde zum 60. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1945 vom evangelischen Landesbischof Johannes Friedrich zum gemeinsamen Gedenken und Erinnern aufgerufen. Das nationalsozialistische Regime, der Zweite Weltkrieg und die Kriegsfolgen hätten Millionen Menschen zu Opfern von Unrecht und Gewalt werden lassen, sagte Friedrich bei einer zentralen Gedenkveranstaltung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern im Herkulessaal der Münchner Residenz. Es ist für uns eine bleibende Verpflichtung, das Gedächtnis dieser Opfer zu bewahren und sie, wo immer möglich, aus der Namenlosigkeit herauszuholen[30].

Diakonie und Klimaschutz

Die Diakonie mit ihrem Diakonischen Werk zählt zur Grunddimension der Kirche, so Johannes Friedrich. Diakonische Arbeit hat eine hohe Bedeutung sowohl in Einrichtungen als auch in Kirchengemeinden. Ein Beispiel ist die Wichtigkeit von Angeboten für Menschen mit Demenz, zumal die Inzidenz angesichts des demograpahischen Wandels steigen wird, wie epidemiologische Studien belegen.[31]

Auch hat Friedrich einen größeren Einsatz der Kirche für den Klimaschutz[32] angemahnt. Es gebe bereits viele gute Ansätze, aber wir können noch mehr tun, sagte Friedrich. Gleichwohl wird die Umsetzung vor Ort ernstgenommen, wie der Einsatz von zirka 1300 ehrenamtlichen Umweltbeauftragten in den evangelischen Kirchengemeinden Bayerns belegt.[33]

Menschenrechte und Zivilcourage

In einem Appell stellen Erzbischof Reinhard Marx und Landesbischof Johannes Friedrich fest, dass der Verhaltenskodex des Internationalen Spielwarenverbandes einen wichtigen Beitrag für die Schaffung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen leisten könne. Der Kodex müsse jedoch glaubwürdig umgesetzt werden. Ökonomische Interessen müssten zurücktreten, falls sie mit der Menschenwürde in Konflikt gerieten; sie rechtfertigen keine unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Schließlich müssen sich die VerbraucherInnen darauf verlassen können, dass bei der Spielzeugproduktion die Menschenrechte eingehalten werden, so Friedrich.[34]

Drei Pflegekräfte brachten, mit Bezug auf ihre Bürgerrechte, den Mut auf, den Pflegenotstand ihrer Station in einem Altenheim zu thematisieren. Die belastenden Konsequenzen waren ein Hausverbot und die Erfahrung, anhaltend gemieden zu werden. In seiner Pfingstpredigt dankte Landesbischof Johannes Friedrich jedoch für diese Zivilcourage,[35] womit er zum Ausdruck bringt, daß die Wahrung der Würde des Menschen (Art. I, GG) sowohl eine wesentliche Grundlage für das humane Zusammenleben als auch für die Förderung der Gesundheit der betroffenen Menschen ist.

In der Jahresschrift Das Gedicht macht Johannes Friedrich deutlich, wie schwierig es ist, Zivilcourage zu leben.[36]

Politische Verantwortung

Die Gesellschaft ist kein gottloses Gegenstück zur Kirche, sondern ein Bereich Gottes neben der Kirche. Das erklärte der Evangelische Theologe Johannes Friedrich am 27. April bei einem Staatsempfang in München aus Anlass des 200-jährigen Bestehens der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Nach Ansicht Friedrichs gehört gesellschaftliches und politisches Engagement zum Christsein. Protestanten entschieden nicht nach dem, was die Kirche sage, sondern nach politischer Vernunft und in freier Gewissensentscheidung.[37] In seiner Pfingstpredigt 2009 mahnte Johannes Friedrich, daß Christinnen und Christen sich nicht aus der Welt und ihren politischen Prozessen zurückziehen dürften; sie müssten vielmehr in wacher Zeitgenossenschaft (…) die Entwicklungen der Gesellschaft aufmerksam und engagiert begleiten, sie ins Gebet (nehmen) und sich couragiert zu Wort melde(n).[38] Beispielhaft erwähnt Friedrich die mutige Barmer Theologische Erklärung der Bekennenden Kirche aus der neueren Kirchengeschichte. Kirche ist nicht nur ein Event oder emigriere aus der Gesellschaft, worauf die Religionssoziologie hinweist, sondern sie engagiere sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten für die Gesellschaft.

Soziale Marktwirtschaft

In einem Gespräch zwischen dem Landesbischof und dem Präsidenten der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V., Randolf Rodenstock, hob Johannes Friedrich die gemeinsame Verantwortung der gesellschaftlichen Kräfte hervor.[39] Wirtschaftliches Handeln kann sich nicht nur auf die Rendite fixieren. Die Verbindung von wirtschaftlichem Handeln mit sozialer Verantwortung, die Grundgedanken der sozialen Marktwirtschaft, sind im Kontext der Wirtschafts- und Finanzkrise von großer Bedeutung. Mit Blick auf Insolvenzverfahren, so Johannes Friedrich, ist der Wert eines Unternehmens nicht nur an dessen Erträgen abzulesen, sondern auch an seinem Umgang mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.[40]

Kirche, Familie, Bildung und Gesundheit

Burnout und die Bedeutung des Sonntags

Auf die Gefahren eines Burnout in der modernen Gesellschaft macht Friedrich aufmerksam. Sensibel und wahrnehmungsfähig zu bleiben, um einerseits die Gefahr des Verbrennens zu erkennen, andererseits als Mensch im Gleichgewicht zu bleiben, ist für Johannes Friedrich ein seelsorgerliches Anliegen, so in seinem Vorwort zu stay wild statt burn out.[41]

Einen wichtigen Beitrag zur Wahrung des Gleichgewichts leistet der arbeitsfreie Sonntag, der keinesfalls ohne Not aufgegeben werden darf,[42] unterstrich Friedrich. Bei diesem Ruhetag handele es sich schließlich um eine über Jahrhunderte gewachsene kulturelle Errungenschaft der Gesellschaft.[43]

Familie im Wandel

Familie ist überall dort, wo Menschen für ihre Kinder oder ihre Eltern Sorge tragen, so der Bischof: Großfamilien mit drei Generationen wie Familien ohne Kinder und Familien, in denen sich 60-Jährige um ihre 80-jährigen Eltern kümmerten. Überhaupt plädiert Friedrich dafür, Familien in allen Formen zu stärken. Dazu gehört nicht nur die klassische Kleinfamilie, sondern auch Alleinerziehende und Patchwork-Familien. Insofern müsste noch stärker akzeptiert werden, (…) dass Familie nicht ausschließlich mit einem bürgerlichen Familienideal identifiziert werden darf. Die individuellen Formen der Gegenwart müssten ernst genommen werden.[44]

Aufgabe der Kirche sei es, so Friedrich, Mut zum Kind zu machen sowie Eltern zu stärken, dass Kinder bestmöglich aufwachsen könnten. Den Beitrag der Kirchengemeinden sieht Johannes Friedrich darin, Eltern bei der Vermittlung des christlichen Glaubens zu helfen. Im Blick auf die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen bestehe noch Nachholbedarf. Männer müssten stärker ermutigt werden, Elternzeit zu nehmen. Dazu benötigten auch Arbeitgeber noch mehr Anreize. Ebenso müsse sich das gesellschaftliche Männerbild weiter wandeln. Die Erziehung dürfe nicht allein Frauen überlassen werden.[45]

Überhaupt mehr Verständnis für die Bedürfnisse von Familien verlangt Johannes Friedrich. Viele Familien litten heutzutage unter einer Doppelbelastung von Berufstätigkeit und Kindererziehung. Vorwürfe und Verweise auf frühere Zeiten machten da keinen Sinn. Hier muss den Familien Hilfe angeboten werden, die sie instand setzt, eigenverantwortlich Regelungen zu finden, so Friedrich.[46] Einen Beitrag dazu leisteten die Kindertagesstätten der Kirche. Diese würden außerdem für die religiöse Erziehung umso wichtiger, je schwieriger es den Familien falle, den Glauben weiterzugeben.[47]

Armutsrisiko und Bildungsgerechtigkeit

Kinder gebührt oberste Priorität, so Johannes Friedrich. Kinder sind nicht nur die Zukunft, sondern die Gegenwart unserer Kirche. Es sei unbestritten, dass die religiöse Sozialisation der Kinder in den Familien viel geringer sei als noch vor einigen Jahrzehnten. Da fehlt das Gebet am Abend, und kirchliche Geschichten werden nur noch selten vorgelesen, bedauert Friedrich. Wichtig ist es daher, sich um die Kinder und deren Erziehung zu kümmern, nicht um die sich ausbreitende Verwaltung. Eigentlich hätte er Kinderkrippen eher Alleinerziehenden zugedacht. Doch das hat sich auch durch die Erfahrung in der eigenen Familie gravierend geändert. Im Kindergarten lernt man Dinge, die man auch im behüteten Elternhaus nicht lernen kann. So plädiert Friedrich für eine Ausweitung der Kinderbetreuung, damit auch Alleinerziehende eine Chance haben, einen Beruf zu finden, um sich vom Armutsrisiko zu befreien.[48]

Auch warnt Friedrich vor einer weiter wachsenden Kinderarmut in Deutschland. Kinder dürfen nicht die Verlierer der gegenwärtigen Krise werden, wenn nicht eine weit schlimmere Krise eintreten soll, so der Landesbischof. Gegenwärtig lebten etwa 144.000 Kinder in Bayern von Hartz IV. Friedrich plädierte für eine verstärkte ganzheitliche Bildung. Sie ist eine wichtige Voraussetzung, damit die Kinder aus diesem Teufelskreis herauskommen:[49] Bildungsgerechtigkeit ist nicht nur eine Forderung der Nächstenliebe, sondern der politischen Vernunft. Dabei ist das Ziel von Bildung mehr als nur Tauglichkeit für den Arbeitsmarkt. (…) Gerade angesichts einer drohenden Rezession erweist sich die Bildungsfrage als das Schlüsselthema der Zukunft. Damit es in Deutschland zukünftig (…) auch selbstbewusste, kompetente und sozial aufgeschlossene Menschen gibt, müssen wir uns gerade in der Krise für die Stärkung von Kindern und ihren Familien einsetzen.[50]

Schulseelsorge und Spätabtreibungen

Nach den Amokläufen von Erfurt und Winnenden und der Sorge über Gewalt unter Jugendlichen ist die Schulseelsorge auf dem Weg zu einem neuen Arbeitszweig. So plädiert auch Johannes Friedrich dafür, die Tätigkeit von Religionspädagogen als Seelsorger zu fördern. Schüler sollen in psychischen Extremsituationen wie schwere Unfälle, sexueller Missbrauch, Mobbing, Suizidversuche und andere Krisensituationen mehr Hilfe durch Seelsorger bekommen, zumal solche Anlaufpunkte für vertrauliche Gespräche auch eine Entlastung für die ganze Schule sind.[51]

Für eine gesetzliche Beratungspflicht vor Spätabtreibungen tritt die evangelische Kirche in Bayern nachdrücklich ein. Johannes Friedrich erklärte, dass Schwangere davor geschützt werden sollten, abtreiben zu müssen, wenn ihr Kind wahrscheinlich behindert zur Welt kommt. Gemeinsam mit der Landessynode, dem Kirchenparlament, drängt er für eine rechtlich geschützte Mindestbedenkzeit von wenigstens drei Tagen für betroffene Frauen. Der Automatismus zwischen Diagnose einer wahrscheinlichen Behinderung des ungeborenen Kindes und der sofort darauf folgenden Abtreibung wird von Friedrich abgelehnt.[52]

Moderner Elementarkatechismus

Bei der Vermittlung des Glaubens hat Friedrich Defizite der Kirchen eingeräumt. Die Weitergabe an die nächste Generation sei ein großes Thema. Sie funktioniert nur, (…) wenn die, die etwas weitergeben sollen, wissen, was sie weitergeben. Und genau da hapert es, so Friedrich vor der Generalsynode der VELKD. Die Überlieferung des Glaubens und der Frömmigkeit von Generation zu Generation sei schon viel früher auf der Strecke geblieben. Ein moderner Elementarkatechismus ist geboten. Denn Bildungsarbeit sei von zentraler Bedeutung für die Kirche. Was an Bildung bei uns im Argen liegt, bezahlen wir durch Entfremdung, Entkirchlichung und Kirchenaustritte, so Friedrich. Mangelnde Beheimatung im Glauben und in seinen Vollzügen wie Gottesdienst und Gebet entsozialisiere.[53]

Werke

  • Anvertraute Talente. 2008
  • Verantwortung gemeindenah und in weltweitem Horizont. 2008
  • Das Leitungsamt der Kirche in unserer Zeit. 2008
  • Zeugen der Wahrheit Gottes. 2006
  • Den einmal begonnenen Weg im festen Blick auf das Ziel fortsetzen. 2005
  • Die Confessio Augustana und die Christenheit. 2005
  • In ökumenischer Gesinnung handeln. 2004
  • Die Zukunft gestalten. 2004
  • Zuversicht trotz Zwischentief. 2003
  • Vertrauen in die ökumenische Gemeinschaft stiften. 2002
  • Ökumene in Deutschland – Blick voraus. 2002
  • Zum gemeinsamen Zeugnis berufen. 2001
  • Unterwegs zur Gemeinschaft. 2000
  • Profil zeigen. 2000
  • Gott im Bruder?. 1977
  • Gott im Anderen? eine methodenkritische Untersuchung von Redaktion, Überlieferung und Tradition in Matthäus 25,31-46. 1976
  • Rechtfertigung. 1976

Ehrungen (Auswahl)

Einzelnachweise

  1. EKD:Rat Wahlergebnisse
  2. Christival Jesus bewegt Bremen 2008
  3. Matthäusevangelium (12. Juni 2009)
  4. Matthäus 25, 31-46 (12. Juni 2009)
  5. Friedrich, Johannes: Gott im Bruder. In: Peter Stuhlmacher, Claus Westermann (Hrsg.) Calwer Theologische Monographien. Reihe A: Bibelwissenschaft. Bd. 7. Calwer Verlag Stuttgart 1977 ISBN 3-7668-0537-1
  6. Evangelisch in Jerusalem (29. Mai 2009).
  7. zeitzeichen (1. Mai 2009)
  8. Jubiläum der lutherischen Kirche in Israel (29. Mai 2009)
  9. Rechtfertigung als Existenzbegründung (29. Mai 2009)
  10. Evangelische Christen in China (29. Mai 2009)
  11. Vereinigte Evangelische Mission, United Evangelical Mission, Mission Evangelique Unie (29. Mai 2009)
  12. Gemeinschaft Ev. Kirchen in Europa (2. Juli 2009)
  13. Evangelische Kirche in Bayern (8. Oktober 2009)
  14. a b Bayerischer Landtag (10. Juni 2009)
  15. Lutherischer Weltbund (11. Juni 2009)
  16. The Lutheran World Federation (11. Juni 2009)
  17. Bericht des Leitenden Bischofs der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (8. Mai 2009)
  18. 20 Jahre evangelische Aussiedlerseelsorge (5. Juni 2009)
  19. EKD – Evangelische Kirche in Deutschland (9. Mai 2009)
  20. Evangelischer Pressedienst (22. Juli 2009)
  21. 2. Ökumenischer Kirchentag München 2010 (16. Mai 2009)
  22. Diskurs um das Abendmahl (28. Mai 2009)
  23. Ökumene der kleinen Schritte (25. Mai 2009)
  24. Ökumenischer Festgottesdienst anlässlich des Grundgesetzes (30. Mai 2009)
  25. Freiheit von Sorge (2. Mai 2009)
  26. Boten der Freude (7. Mai 2009)
  27. Bayerischer Rundfunk (11. Juni 2009)
  28. Würzburger Mozartfest 2008 (16. Juni 2009)
  29. Umgang mit Tod (25. November 2009)
  30. 60. Jahrestag des Kriegsendes (29. Juni 2009)
  31. Diakonie (16. Juni 2009)
  32. Europäische Kommission und der Klimaschutz (13. Juni 2009)
  33. Umweltschutz (11. Juni 2009)
  34. Menschenwürde bei der Spielzeugproduktion (17. Juni 2009)
  35. Bürgerrechte (17. Juni 2009)
  36. Das Gedicht (8. Oktober 2009)
  37. Idea.de – Das christliche Nachrichtenportal (28. April 2009)
  38. EKD – Evangelische Kirche in Deutschland (1. Juni 2009)
  39. Wirtschaft und soziale Verantwortung (13. Juni 2009)
  40. Quelle-Insolvenzverfahren (29. Juni 2009)
  41. Stay Wild statt Burn Out. Leben im Gleichgewicht (9. Juni 2009)
  42. Ad-Hoc-News (Pressemitteilung) (17. Dezember 2009)
  43. Evangelischer Pressedienst (10. Juni 2009)
  44. Familie in allen Formen stärken (12. Mai 2007)
  45. Familien stark machen (13. Juni 2009)
  46. Religiöse Erziehung in Familien stärken (8. Mai 2009)
  47. Familie in der Gesellschaft (1. Mai 2009)
  48. Politik für Kinder (29. April 2009)
  49. Kinder als Krisenverlierer (9. Mai 2009)
  50. zeitzeichen (29. Juni 2009)
  51. Evangelischer Pressedienst (27. Juli 2009)
  52. Schutz vor Abtreibungen (8. Mai 2009)
  53. Die Weitergabe des Glaubens (24. Oktober 2009)
  54. Wilhelm-Löhe-Medaille (16. Juni 2009)
  55. Bayerische Staatsregierung (17. Dezember 2009)

Literatur von und über Johannes Friedrich im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
  • Homepage bei der Evangelischen Landeskirche Bayern
  • chrismon. Das evangelische Magazin (2. Mai 2009)
  • Johannes Friedrich zum 60. Geburtstag (27. April 2009)
  • Reportage über den Landesbischof Johannes Friedrich (10. Juli 2009)
  • Siehe auch


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