Muammar al-Gaddafi

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Muammar al-Gaddafi

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Muammar al-Gaddafi beim Gipfeltreffen der Afrikanischen Union 2009

Muammar Abu Minyar al-Gaddafi oder Mu’ammar Abu Minyar al-Qaddhafi (arabisch ‏معمر القذافي‎ Muʿammar al-Qaddhāfī, DMG Muʿammar al-Qaḏḏāfī; * 7. Juni 1942 in Yūḥannām bei Surt; offiziell * 19. Juni 1942 in Surt, Libyen[1]) war nach einem Militärputsch 1969 bis 1979 Staatsoberhaupt von Libyen. Bis heute bestimmt er als Revolutionsführer und ehemaliger Generalsekretär des Allgemeinen Volkskongresses die Politik der Volksdschamahiriyya Libyen.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Gaddafi entstammt einer Beduinenfamilie und wurde in der Region Tripolitanien, damals Teil von Italienisch-Libyen, geboren. Sein Vater war Mohammed Abdul Salam bin Hamed bin Mohammed Al-Gaddafi (Qadhafi), genannt Abu Meniar († 1985), seine Mutter Aisha Gaddafi († 1978).[2]

Gaddafi erhielt seine Offiziersausbildung in Großbritannien und gründete später, vom Panarabismus beeinflusst, den „Bund Freier Offiziere“. Mit diesem stürzte er am 1. September 1969 König Idris durch einen Putsch und übernahm als Führer einer Militärjunta die Macht. In der Folgezeit formte Gaddafi das Königreich in einen sozialistischen Staat um. Er ging außenpolitisch allerdings weitgehend eigene Wege. Das Land wurde fortan Sozialistische Libysch-Arabische Volks-Dschamahiriyya genannt. Gaddafi propagiert innenpolitisch das System der Volkskongresse als direkte Demokratie ohne Parlamentarismus. 1976 veröffentlichte er „Das Grüne Buch“, in dem er seine politischen Ziele darstellte, die eng an den Islamischen Sozialismus angelehnt sind.

Muammar al-Gaddafi mit seinem Idol Gamal Abdel Nasser (1969)

Zugleich vertrat Gaddafi auch gewisse panarabische Ansätze. 1979 trat er offiziell von der Staatsführung zurück, ohne jedoch seinen beherrschenden Einfluss auf sämtliche Staatsgeschäfte zu verlieren. Seit 1973 befand sich Libyen im Konflikt mit dem Tschad, als Korrekturen der Grenzen zu Lasten des Tschads gefordert wurden. Trotz eines Waffenstillstandes 1987 zogen sich die libyschen Truppen erst 1994 aus dem nördlichen Tschad zurück.

Gaddafi setzt sich auch stark für die arabische Einheit ein. Verschiedene Libysch-Arabisch-Afrikanische Vereinigungsprojekte, unter anderem mit Ägypten oder den Maghrebstaaten, konnten aber nicht verwirklicht werden (z. B. gescheiterte Union mit Tunesien 1974). Seit einigen Jahren versucht er, die afrikanische Einheit zu fördern. Die Afrikanische Union (AU), die auf Gaddafis Betreiben hin gegründet wurde und deren Vorsitzender er von Februar 2009[3] bis Januar 2010 war, hat die EU zum Vorbild und soll langfristig zu einem einheitlichen Wirtschaftsraum in Afrika führen.

Nach dem Bombenanschlag auf die Diskothek La Belle in Berlin in der Nacht vom 4. auf den 5. April 1986 beschuldigte US-Präsident Ronald Reagan den libyschen Staatschef Gaddafi, das Attentat angeordnet zu haben, um damit die Versenkung zweier libyscher Kriegsschiffe durch US-amerikanische Streitkräfte zu rächen. Daraufhin gab Reagan den Befehl,[4] Tripolis und Banghazi zu bombardieren: Bei der Operation El Dorado Canyon beschossen US-Kampfflugzeuge am 15. April 1986 die libysche Hauptstadt Tripolis, wodurch 36 Zivilisten getötet wurden, darunter eine Adoptivtochter Gaddafis.

Gaddafi wurden Verbindungen mit dem internationalen Terrorismus nachgesagt. Er gilt als Unterstützer verschiedener bewaffneter Tuareggruppen in der südlichen Sahara (Mali, Niger), die in den frühen 1990er Jahren und wieder verstärkt seit 2006 sowohl gegen Militärs kämpfen als auch Übergriffe auf die Zivilbevölkerung durchführen. Durch diese Unterstützung einerseits und die Rolle als Verhandlungsführer andererseits erhofft sich Gaddafi verstärkten Einfluss auf die Regierungen der betroffenen Länder.[5] [6]

Im Februar 1996 misslang ein Bombenanschlag auf seine Eskorte, welcher das Ziel hatte ihn zu töten. Laut einem Zeitungsbericht der New York Times vom 5. August 1998 wurde der Anschlag mit 160.000 $ durch das MI6 unterstützt. Gaddafi blieb bei diesem Anschlag unverletzt, stattdessen wurden mehrere Gefolgsleute getötet. Nach Angaben des ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters David Shayler misslang der Anschlag, weil die Agenten des MI6 die Bombe unter dem falschen Auto platziert hatten.[7]

Gaddafi baute einen Kult um seine Person auf. 1999 bekannte sich Gaddafi zur Schuld Libyens an dem Anschlag auf Pan-American-Flug 103 von 1988 über der schottischen Stadt Lockerbie; er lieferte die Attentäter aus und ließ den Hinterbliebenen der Opfer eine hohe Entschädigung zahlen. 2000 trat Gaddafi als Vermittler um das Geiseldrama auf der philippinischen Insel Jolo auf. 2003 gab Gaddafi bekannt, dass sein Land die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen betreibe, dass er aber bereit sei, dieses Programm aufzugeben. Gaddafis Verhältnis zum Westen hat sich seitdem stark verbessert. Im März 2004 besuchte ihn Tony Blair und durchbrach damit die lange Isolation Libyens. Im Oktober folgte Gerhard Schröder als erster deutscher Kanzler. Zum 37. Jahrestag seiner Machtübernahme rief Gaddafi im September 2006 öffentlich zur Ermordung politischer Gegner auf. Nach Bekanntwerden der Hinrichtung des irakischen Machthabers Saddam Hussein am 30. Dezember 2006 ordnete Gaddafi eine dreitägige Staatstrauer für sein Land an.

Gaddafi im April 2008 mit Wladimir Putin

Am 10. Dezember 2007, dem Welttag der Menschenrechte[8], besuchte er nach 34 Jahren wieder Paris. Etwa 100 Personen demonstrierten auf dem Champ de Mars gegen seinen Besuch.[9] Die französische Journalistin Memona Hintermann, Chefreporterin von France 3, berichtete dem Fernsehsender Canal+, sie habe sich 1984 von Gaddafi in eine Militärbaracke bringen lassen, um dort ein Interview mit dem Staatschef durchzuführen. Dort habe er versucht, sie zu vergewaltigen.[10][11]

Am 2. Februar 2009 wurde er zum Präsidenten der Afrikanischen Union gewählt. Am 23. September 2009 sorgte Gaddafi mit seiner ersten Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen für einen Eklat. In seiner Rede zitierte er aus der UN-Charta und zerriss aus Protest einige Seiten.[12]

In Folge der Festnahme eines Sohnes von Gaddafi (siehe unten) kam es zur Libyen-Affäre, einem Konflikt zwischen Libyen und der Schweiz.

Kinder

Gaddafi am 7. Juni 1976

Gaddafi hat acht Kinder. Sein ältester Sohn ist Muhammad Gaddafi, er führt das Libysche Olympische Komitee an und besitzt alle Telekommunikationsunternehmen in Libyen.

Der nächstälteste Sohn ist Saif al-Islam al-Gaddafi. Er wurde 1972 geboren, ist Maler, und hat für einige Jahre in Wien studiert, wo er auch Kontakte mit dem österreichischen Politiker Jörg Haider knüpfte. Saif al-Islam hat sich um die Freilassung westlicher Geiseln bemüht, die von Islamisten entführt worden sind (etwa auf den Philippinen) und engagiert sich im Umweltschutz.

Der drittälteste Sohn ist Al-Saadi Gaddafi, der mit der Tochter eines Militärkommandanten verheiratet ist. Er leitet die Libysche Football Federation und spielte im italienischen Fußballteam Perugia Calcio. Er hat ein Vermögen in der Ölindustrie und als Filmproduzent verdient.

Der viertälteste Sohn, Mutasim-Billah Gaddafi, war Oberstleutnant in der libyschen Armee. Nach einem angeblichen Umsturzplan gegen seinen Vater floh er nach Ägypten. Gaddafi vergab ihm, und er kehrte zurück nach Libyen und wurde Sicherheitsberater und Anführer einer Einheit der Armee. Er und Saif Al Islam werden als mögliche Nachfolger ihres Vaters gehandelt.

Der fünftälteste Sohn, Motassim Bilal Gaddafi (genannt „Hannibal“), erregte 2004 Aufmerksamkeit, als er mit 140 Kilometer pro Stunde die Pariser Champs-Elysées entlangfuhr.[13][14] Er war auch bei einer Reihe von gewalttätigen Zwischenfällen beteiligt. Er soll seine schwangere Freundin geschlagen haben[14] und wurde im Juli 2008 zusammen mit seiner Frau in einem Genfer Hotel festgenommen. Nach zwei Tagen wurden Hannibal Gaddafi und seine Frau gegen Kaution freigelassen. Die Schweizer Justiz wirft dem Ehepaar Körperverletzung, Drohung sowie Nötigung zweier Hausangestellter vor.[15] In der Folge kam es zu einem Konflikt zwischen Libyen und der Schweiz. → Libyen-Affäre (Schweiz)

Muammar al-Gaddafi hat noch zwei jüngere Söhne – Saif al-Arab (geb. 1982, war an der TU München eingeschrieben)[16] und Khamis.

Gaddafi hat eine Tochter Aischa Gaddafi, eine Anwältin, die sich dem Verteidigerteam von Saddam Hussein angeschlossen hatte. 2006 heiratete sie einen Cousin ihres Vaters.

Gaddafis Adoptivtochter Hana kam im Alter von 15 Monaten bei einem US-Luftangriff am 15. April 1986 ums Leben.[17]

Gerücht um seine Herkunft

Ein seit mindestens 1999 bekanntes Gerücht behauptet, Gaddafis Vater sei ein korsischer Flieger und Held der Résistance namens Albert Preziosi gewesen. Preziosi wurde bei einem kurzzeitigen Einsatz 1941 in Nordafrika abgeschossen, dort zeitweise von Beduinen versteckt und kam im Juli 1943 bei einem Abschuss an der Ostfront ums Leben.[1][18]

Sonstiges

Weniger bekannt ist, dass er auch dichtet. 1995 legte er sein belletristisches Erstlingswerk vor mit dem Titel: Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten. In dem Bändchen finden sich zwölf Essays über das sozial entwurzelte Leben in der Großstadt, die Größe der göttlichen Schöpfung und die Tyrannei der Massen, die dazu neigen, ihre Führer in die Wüste zu schicken.[19]

Gaddaffi hat 2009 in Zusammenarbeit mit einem italienischen Unternehmen das erste libysche PkW-Modell, den Saroukh el-Jamahiriya, entworfen. Dieser wird seit September 2009 in Serie hergestellt.

Werke

Literatur

 Commons: Muammar al-Gaddafi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b Spiegel Online: Gaddafis Familiengeschichte, 15. Februar 2008
  2. Der Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi Artikel auf dem privaten Webangebot Libyen.com
  3. Gaddafi auf Afrikas Chefsessel Artikel in der taz vom 2. Februar 2009
  4. Süddeutsche Zeitung: Libyscher Alt-Revolutionär auf Kurs nach Westen 12. September 2007
  5. taz: sahara-frieden-auf-sand-gebaut Konflikte zwischen Tuareg und Mali, Sahara-Frieden auf Sand gebaut 28. August 2008
  6. afribone: Coopération: Khadafi à Mali 6. Januar 2009
  7. Cook: Keine Beteiligung an Gaddafi-Attentat Artikel der Berliner Zeitung vom 10. August 1998
  8. n-tv: Geschäfte mit Todeskuss 10. Dezember 2007
  9. Focus: Al-Affi – Libyen hat niemals Terrorakte begangen 11. Dezember 2007
  10. Die Welt:Vor Gaddafi ist niemand sicher 14. Dezember 2007
  11. Libération: Je revois Kadhafi devant moi, menaçant de me flinguer 12. Dezember 2007
  12. Eklat in New York – Libyens Diktator Gaddafi zerreißt UN-Charta Artikel in der Welt vom 23. September 2009
  13. Verkehrsrüpel – Gaddafi-Sohn Hannibal rast durch Paris Spiegel Online, 25. September 2004
  14. a b Porträt Hannibal Gaddafi Sohn von Muammar: Wir sind unschuldig Der Tagesspiegel, 11. Oktober 2008
  15. swissinfo.ch
  16. Eine unmögliche Familie Spiegel online vom 8. März 2010
  17. Massenstaat und Terrorismus FAZ Net, 1. September 2009
  18. http://www.bakchich.info/article2675.html
  19. Die Welt: Muammar al-Gaddafi – wie ein Erzschurke sich zum Friedensbotschafter wandelt 17. Mai 2006
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