Prophetie
Als Prophetie bezeichnet man die Verkündigung von Propheten, die sich durch einen Gott berufen sehen.
Im Unterschied zu einer rational begründeten Prognose und zum Wahrsagen berufen sich Propheten auf ihre Intuition, Inspiration oder Eingebung, die sie im Zusammenhang einer Religion als Auftrag und Botschaft einer Gottheit empfangen und öffentlich weitergeben. Dies ist ein in vielen Religionen bekanntes, vielschichtiges Phänomen. Es trat im Alten Orient auf und kennzeichnet vor allem die abrahamitischen Religionen und ihren Ein-Gott-Glauben.[1]
Prophetie ergeht mündlich, wurde vielfach dann schriftlich fixiert und überliefert. Sie umfasst nicht nur Zukunftsereignisse, sondern vielfach auch Kritik an der Vergangenheit und Gegenwart ihrer Adressaten. Einzelne Voraussagen eines Propheten bezeichnet man als Prophezeiung, Weissagung oder Verheißung.
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Alter Orient
Eine große Vielfalt altorientalischer Texte enthalten oder sind Weissagungen oder Prophezeiungen. Viele dienten dazu, eine Dynastie nachträglich als gottgewollt zu legitimieren (vaticinia ex eventu). Einige führen sich auf ein Offenbarungserlebnis zurück und geben eine Gottesbotschaft an bestimmte Adressaten weiter. Die Sprecher sind meist im Umfeld des Königshofes und zentraler Staatskulte angesiedelt. Sie haben meist das Heil und Wohl der jeweiligen Herrscher zum Thema und richten sich nie direkt an das gesamte Volk oder die Völker. Sie kritisieren gelegentlich Einzelaspekte der Kultausübung, aber massive Unheilsprophetie, Kritik an Königen, ihrer Politik und Sozialkritik fehlen. Daher ordnet man diese Dokumente als Hof- und Heilsprophetie ein.[2]
Die etwa 30 auf Tafeln erhaltenen Briefe aus Mari (um 1800 v. Chr.) berichten von Männern und Frauen, die ohne ihr Zutun etwa in einer Traumvision oder Audition vor einem Götterbild im Tempel Botschaften der Wetter- und Vegetationsgötter Dagan, Hadad und anderen empfingen und diese dem König als „Gesandte“ teils ungebeten, teils auf Anfrage ausrichteten. Ihre Botschaften beinhalteten Zusagen göttlichen Beistands für das eigene, Unheil für fremde Völker. Kritisiert wurden nur Nachlässigkeiten im Kult.[3]
Der Reisebericht des Ägypters Un-Amun (ca. 1100 v. Chr.) erzählt von einem Phönizier, der bei einer Opferfeier unbeabsichtigt in ekstatische Erregung geriet, dabei eine Gottesbotschaft empfing und diese dem Fürsten von Byblos ausrichtete, worauf dieser den im Hafen wartenden Un-Amun empfing.[4]
Die Inschrift des Zakir von Hamath (um 800 v. Chr.) in Syrien bezeugt eine Bitte des Königs in einer Belagerungssituation an seinen Schutzgott Baalschamem, den „Herrn des Himmels“. Dieser habe durch Vermittlung von „Sehern“ geantwortet und dem König Rettung vor seinen Feinden zugesagt. Auch dies gilt als Form von intuitiver Heilsprophetie, während sonst eher die induktive Form üblich war. Ob es sich um eine Parallele zur „Denkschrift des Jesaja“ (Jes 7 EU) handelt, ist umstritten.[5]
Wandinschriften in Tell Der ‘Alla, Ostjordanien, bezeugen eine „Schauung“ eines Sehers namens Bileam, den auch die Bibel kennt (Numeri 22–24 EU).[6]
Intuitive Prophetie war in der Antike nicht streng von allgemeiner Mantik unterschieden. Besonders Orakel waren im Mittelmeerraum und vorderen Orient zeitweise weit verbreitet. Geber oder Übermittler waren wie in Delphi oft fest am Hof oder Kultort angestellt und antworteten auf eine rituelle Befragung. Im antiken Rom war das Lesen der Zukunft aus himmlischen Zeichen, dem Vogelflug, den Eingeweiden von Opfertieren („Leberschau”) durch Pontifices, Haruspices und Flamines Teil des Staatskultes. Dabei fehlten vor allem der aktuelle Auftrag eines Gottes und die Konkretheit der Botschaft.[7]
Aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. stammen etwa 30 Tontafeln mit neuassyrischen Orakelsprüchen von namentlich genannten Tempelbeamten und Handwerkern. Sie sind direkte Gottesanrede an bestimmte Adressaten und weisen auf historische Ereignisse hin. Sie folgen keiner Opferschau oder Sterndeutung, sondern geben sich als unmittelbare Gottesbescheide. Inhaltlich verkünden sie dem König Heil, langes Leben und Fortbestand seiner Dynastie, und tadeln kultische Nachlässigkeiten.[8]
Judentum
Hauptartikel: Biblische Prophetie
Prophetie erhielt vor allem im antiken Judentum seit etwa 1000 bis 200 v. Chr. einen zentralen, zeitweise dominierenden Rang für die Beziehung Gottes zu den Menschen. Auch gegen ihren Willen berufene Wortpropheten, Seher oder Sendboten („Gottesmänner“) traten in der Geschichte Israels immer wieder auf, um Gottes Wort dem Volk und seinen Führern als unbedingten Anspruch zu verkünden, ohne Rücksicht auf die Folgen für ihr Leben.
Dabei trat im Königreich Israel zunächst überwiegend Unheils-, seit dem Ende des Königtums und dem Babylonischen Exil zunehmend auch Heilsprophetie auf. Beide sind in Geschichts- und Prophetenbüchern gesammelt und aufgezeichnet worden. Letztere bilden als Nebiim den zweiten Hauptteil des Tanach, der Hebräischen Bibel. Prophetie bezeichnet daher im Judentum nicht nur die mündliche Verkündigung, sondern auch eine bestimmte Literaturgattung. Diese gibt Zukunfts- und Gegenwartsansagen für Kollektive, etwa für das erwählte Volk, die Fremdvölker, alle Gläubigen und Ungläubigen, sowie Lebensgeschichte von Propheten weiter.
Urchristentum
Im Urchristentum galt Johannes der Täufer als der letzte und wichtigste der Propheten Israels. Unter den Urchristen waren Propheten neben den Aposteln fast gleichrangige Autoritäten der christlichen Gemeinden (1_Kor 12,28 EU). Der Prophet Agabus sagte eine Hungersnot voraus, die unter Klaudius ausbrach (Apg 11,28 EU) und prophezeite die Gefangennahme des Apostel Paulus in Jerusalem durch die Heiden (Apg 21,10 EU).
Islam
Hauptartikel: Propheten des Islam
Im Islam gilt die Prophetie Muhammed im Koran als endgültiges Offenbarungszeugnis Allahs und Vollendung aller vorherigen biblischen Propheten, von denen einige als Muhammeds Vorläufer dargestellt werden.
Manichäer
Mehrere Religionsstifter, die das Christentum oder den Islam fortführen wollten, werden von ihren Anhängern ebenfalls als Propheten verehrt: Den Manichäern galt Mani als der von Christus verheißene Paraklet.
Mormonen
Bei der Religionsgemeinschaft der Mormonen (Heilige der Letzten Tage) war es der Gründer Joseph Smith (1830). Sein jeweiliger Nachfolger an der Spitze der Kirchenorganisation wird von den Mitgliedern der Kirche als „Prophet, Seher und Offenbarer“ anerkannt. Er empfängt gemäß dem Glauben der Mitglieder die wichtigen Offenbarungen für die heutige Zeit und die Zukunft. Siehe dazu Propheten der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage
Moderne Deutungen
Im Zusammenhang mit asiatischen Religionen spricht der Psychologe Anthony Starr („Feet of Clay – A Study on Gurus“) mögliche Charakterzüge und Psychosen an und hält eloquente „Propheten“ für gefährlicher. Nach David C. Lane wäre ein betrügerischer Scharlatan weniger unheilvoll als einer, der von seinen Vorstellungen voll überzeugt ist. Verschiedene Mythen sehen das Auftreten falscher Propheten in Zusammenhang mit dem Thema Weltuntergang, und die Geschichte kennt sie aus Zeiten untergehender Kulturen.
Der Philosoph Karl Popper bezeichnete in seinen Büchern „Die offene Gesellschaft und Ihre Feinde“, und einer Vortragsreihe „Philosophie und falsche Propheten“, Philosophen wie Marx und Engels mit ihrer Heilsverkündung der Industrialisierung als falsche Propheten.
Im Wüstenplanet-Zyklus des amerikanischen Science-Fiction-Autors Frank Herbert spielt die Prophetie eine für die Handlung der Romane bedeutende Rolle. Die beiden in dieser Hinsicht bedeutendsten Figuren Paul Muad’dib und sein Sohn Leto II. Atreides besitzen nicht nur starke seherische Fähigkeiten, sondern sind auch Verkünder ihrer eigenen Religion.
Siehe auch
Literatur
- Matthias Riedl, Tilo Schabert: Propheten und Prophezeiungen. Königshausen & Neumann, 1. Auflage 2005, ISBN 382602253X
- Walter A. Koch: Prophetie und astrologische Prognose. Karl Rohm, Lorch 1998, ISBN 3876832152
Eintrag in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (englisch, inklusive Literaturangaben)Buch Das steht der Welt noch bevor von Anton Angerer (pdf) Fachartikel zur Prophetie im Alten Orient in: Michaela Bauks / Klaus Koenen (Hgg.), Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), 2007ff. Einzelbelege
- ↑ Hans Küng: Der Islam, Piper, München-Zürich 2004, S. 166
- ↑ Erich Zenger: Einleitung in das Alte Testament, 6. Auflage 2006, S. 424f
- ↑ Manfried Dietrich: Prophetenbriefe aus Mari. In: Religiöse Texte. Deutungen der Zukunft in Briefen, Orakeln und Omina. Texte aus der Umwelt des Alten Testaments Band II/1; Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 1986; ISBN 3579000667; S. 83–93
- ↑ Adolf Erman: Die Literatur der Ägypter. Gedichte, Erzählungen und Lehrbücher aus dem 3. und 2. Jahrtausend v. Chr.; Berlin: de Gruyter, 19232; Reprint 1980, ISBN 3746315220
- ↑ Herbert Niehr: Der höchste Gott: Alttestamentlicher JHWH-Glaube im Kontext syrisch-kanaanäischer Religion des 1. Jahrtausends v. Chr. Berlin: de Gruyter, 1990; ISBN 3110123428; S. 31ff.
- ↑ Manfred Weippert: Die „Bileam“-Inschrift von Tell-Deir ‘Alla und das Alte Testament; in: Manfred Weippert: Jahwe und die anderen Götter; Tübingen: Mohr Siebeck, 1997; ISBN 316146592X; S. 163ff
- ↑ Oswald Loretz: Opfer- und Leberschau in Israel. Philologische und historische Aspekte; in: Bernd Janowski u.a. (Hrsg.): Religionsgeschichtliche Beziehungen zwischen Kleinasien, Nordsyrien und dem Alten Testament. Internationales Symposium Hamburg 17.–21. März 1990; Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1997; ISBN 3525537646; S. 509 ff.
- ↑ Martti Nissinen: Die Relevanz der neuassyrischen Prophetie für die alttestamentliche Forschung; in: Manfried Dietrich, Oswald Loretz (Hrsg.): Mesopotamica – Ugaritica – Biblica: Festschrift für Kurt Bergerhof zur Vollendung seines 70. Lebensjahres am 7. Mai 1992; Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1993; ISBN 3788714530; S. 217–258
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