Rationalist

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Rationalismus

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Rationalismus (lat. ratio: Vernunft) bezeichnet philosophische Strömungen und Projekte, die dem rationalen Denken eine Priorität zukommen lassen oder dieses allein für hinreichend halten - insbesondere in der Wissensfindung, und zwar gegenüber anderen Erkenntnisquellen wie etwa Sinneserfahrung oder religiöse Überlieferung. Auch Positionen, welche der menschlichen Vernunft auf sich gestellt wenig oder kein objektives Wissen zutrauen, stehen den mit „Rationalismus“ etikettierten Positionen entgegen, so etwa jeder Irrationalismus und jede „Vernunftskepsis“, wie man sie einigen Vertretern postmoderner Philosophie zugeschrieben hat. In philosophiegeschichtlichen Kontexten ist “Rationalismus” meist ein Etikett für Denker wie Descartes, Spinoza oder Leibniz, welchen dann andere Denker wie John Locke, George Berkeley oder David Hume entgegengestellt werden, die dann als (britische) Empiristen etikettiert werden; wenngleich diese Etikettierungen üblich sind, werden sie inzwischen von zahlreichen Philosophiehistorikern kritisch diskutiert.[1] In unterschiedlichen Kontexten systematischer Philosophie wird “Rationalismus” auch ganz ohne Verpflichtung auf derartige historische Bezüge gebraucht, beispielsweise in der Epistemologie für eine Position, welche beansprucht, dass Wissen aus reiner Vernunft möglich ist (ein prominenter Vertreter dieser Position ist etwa Laurence BonJour); in der Metaethik bezeichnet “Rationalismus” Varianten der Position, wonach moralisches Urteilen und Handeln nach rationalen Strukturen rekonstruierbar ist und ein moralisches Urteil danach beurteilt wird, ob es gemäß der Normen für moralische Begründungen zustande kommt.

Inhaltsverzeichnis

Begriffsverwendung

„Rationalismus“ als frühneuzeitliche Strömung

Bereits in dem frühsten Begriffsbeleg von 1539 ist der Rationalist jemand, „der dem reinen Denken größere Bedeutung für die Erkenntnis beimißt als der Erfahrung“.[2] Der frühneuzeitliche Rationalismus vertritt die Ansicht, dass der Verstand die objektive Struktur der Wirklichkeit erkennen kann, sowohl auf physikalischem, metaphysischem und moralischem Gebiet und dass dabei auf ein Wissen vor jeder Sinneserfahrung (a priori-Wissen)zurückgegriffen wird. In seinen Argumentationsformen folgt er den Beweisverfahren der klassischen Gemometrie (more geometrico). Der frühneuzeitliche Rationalismus führt dabei verschiedene scholastische Positionen fort. Historisch lässt man den Rationalismus üblicherweise mit René Descartes beginnen und kennzeichnet Gottfried Wilhelm Leibniz und dessen Rezipienten als Hauptvertreter (Meier, Baumgarten, Wolff u. a.).

Einen zeitgenössischen Gegenbegriff stellte der „Empirismus“ dar, womit die Auffassung gemeint ist, dass alle Erkenntnis primär auf sinnlicher Wahrnehmung beruhe und es kein Wissen a priori gebe (tabula rasa). Die nachträgliche Gegenüberstellung von Rationalismus und Empirismus entstammt aber erst der Zeit Ende des 18. Jahrhunderts. Vertretern beider Positionen war gemeinsam, dass sie die Offenbarung als Quelle von Weltwissen für überflüssig hielten oder sogar ablehnten. Der Gegensatz zwischen Rationalismus und Empirismus wird klassisch wie folgt beschrieben: Ein Rationalist legt seiner philosophischen Welterklärung vor allem deduktive Schlussfolgerungen zu Grunde, während ein Empirist nur Hypothesen akzeptiert, die sich induktiv durch sinnliche Wahrnehmung bestätigen lassen. Nicht gemeint ist also, dass Rationalisten die sinnliche Erfahrung als Erkenntnisquelle generell ablehnen würden – und Empiristen die Vernunft. Tatsächlich sind in den Texten rationalistischer Philosophen immer auch empiristische Elemente zu finden - und umgekehrt.

„Rationalismus“ im Kontext von Religionsphilosophie und Theologie

Im Kontext von Religionsphilosophie und Theologie bezeichnet „Rationalismus“ (hier oft synonym auch „Intellektualismus“) meist Tendenzen, die der menschlichen Vernunft ein Wissen vom Göttlichen zutrauen und eine Zulässigkeit und Durchführbarkeit philosophischer Theologie ohne vorausgesetzte Offenbarung und Gnade annehmen. Als theologische Voraussetzung oder Ergebnis wird dabei inhaltlich etwa vertreten, dass göttliches Wollen und Handeln nicht völlig willkürlich ist, sondern Gründen folgt, so dass z.B. auch Gott mit einer Form höchster Vernunft identifiziert wird. Dem entspricht üblicherweise die Annahme stabiler und erkennbarer ontologischer Strukturen und moralischer Prinzipien und Kriterien. Gegenpositionen vertreten hingegen etwa, dass nur je momentane Einheiten von Dingen und Zeitmomenten zur Existenz kommen je aufgrund allein eines völlig unverständlichen und an keine logischen oder sonstige Prinzipien gebundenen göttlichen Willens. (Okkasionalismus, „Voluntarismus“ in negativer Verwendung) Sowohl in der islamischen Theologie wie der christlichen insb. des Mittelalters werden derartige Kontroversen debattiert. In etwas abweichender Verwendung meint „Rationalismus“ eine Reduktion von Aspekten religiösen Glaubens wie etwa der Personalität des Göttlichen. Bei dieserart Verwendung meint „Voluntarismus“ dann umgekehrt nicht die vorbenannten starken Festlegungen, sondern nur die Tendenz, auch Aspekten der Personalität wie etwa dem Wollen Rechnung zu tragen.

Ideengeschichte

16.-18. Jahrhundert

Der Rationalismus knüpft in vielem an die Begrifflichkeit und Methode der lateinischen Scholastik an, propagiert andererseits aber einen selbständigeren Neuansatz, der einem vor allem in Frankreich im 17. Jahrhundert sich ausbreitenden Unmut über angebliche „unfruchtbare Spitzfindigkeiten“ scholastischer Debatten begegnet. Diese würden, so ein in diesem Kontext häufiger formulierter Vorwurf, lediglich dem Skeptizismus den Weg bereiten. Der Deismus, der rationalistische Ansätze hat, beeinflusste die Religionsphilosophie und ging von der Existenz fundamentaler religiöser Prinzipien aus, welche eine Offenbarung sinnlos machen. Der diesbezügliche, theologische Rationalismus entstand parallel zum klassischen Rationalismus.

Als Begründer des klassischen Rationalismus (zum Teil bezeichnet als Intellektualismus) gilt vor allem René Descartes, der dabei wichtige Anregungen von seinem älteren Freund Marin Mersenne erhielt. Descartes veranschaulichte seine Auffassung von Wissenschaft und Philosophie anhand der Geometrie. Demnach lassen sich die universellen Grundsätze einzig mit Hilfe des Verstandes erschließen. Alle übrigen Fragen der Philosophie und Naturwissenschaften werden durch Deduktion beantwortet. Er behauptete, dass jene Grundsätze nicht mit Hilfe der Sinneswahrnehmung erschließbar seien.

Andere Denker, zum Beispiel Nicolas Malebranche, der niederländische Philosoph Baruch Spinoza und der deutsche Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz, entwickelten den cartesianischen Rationalismus weiter. Er stand im Gegensatz zu den Konzepten der britischen Empiristen John Locke und David Hume, die der Meinung waren, dass die Sinne grundlegende Erkenntnis lieferten. Zudem standen sie den Skeptikern entgegen, die das Erlangen sicherer Erkenntnis für unmöglich hielten. Der erkenntnistheoretische Rationalismus fand auch in anderen Bereichen der Philosophie Anwendung. Damit wurde vertreten, dass sich die elementaren Grundsätze menschlicher Moral und des Naturrechts aus reiner Vernunft ergäben (siehe Samuel von Pufendorf, Immanuel Kant, G. W. F. Hegel u.a.).

Die Transzendentalphilosophie von Immanuel Kant versucht eine Vermittlung von Rationalismus und Empirismus. Wissenserweiternde Vernunftschlüsse ohne erfahrungserweiternde Erkenntnisgrundlage werden nur akzeptiert, wenn sie in einer Analyse von Strukturen der Vernunft selbst ihre Rechtfertigung und Gegenstand haben. Derartige Urteile nennt Kant synthetisch a priori. Das Urteil „alles Geschehen hat eine Ursache“ beispielsweise ist darum wahr und a priori einsichtig, weil eine Analyse des basalen Begriffsschemas, mittels welchem der Verstand die Sinneswahrnehmung erfasst und strukturiert, auch die Notwendigkeit aufzeigt, jedes zu verstehende Ereignis in Kausalketten einzubetten.

19.-21. Jahrhundert

Gängiger Gegenbegriff wurde ab dem 19. Jahrhundert der Irrationalismus. Im Rahmen der Kulturkritik entfaltete sich eine breite Kritik am Rationalismus bei O. Spengler, F. Böhm und auch bei M. Heidegger sowie bei zahlreichen Philosophen des französischen Nietzscheanismus und des Poststrukturalismus. Dagegen und in Bezug auf weitere philosophische Entwicklungen (re-/)formierten Theologischer Rationalismus, Kritischer Rationalismus, Methodischer Rationalismus und Umfassender Rationalismus (Panrationalismus). Eine „strukturelle Rationalität“ nebst einer „rationalen Ethik“ wurde von Julian Nida-Rümelin begründet.[3]

Rationalismus erscheint gegenwärtig in unterschiedlichen Erkenntnistheorien, in überwiegend deutschen Diskurstheorien, in ökonomischen Theorien wie der Spieltheorie und der Rationalen Entscheidungstheorie und in überwiegend anglo-amerikanischen, Theorien internationaler Beziehungen (Politikwissenschaft).

Besonders einflussreich ist die „kommunikative Rationalität“, wie sie von Jürgen Habermas geprägt und mit Karl-Otto Apel und vielen anderen Philosophen gemeinsam entwickelt wurde. Siehe für diese neuen Rationalitätstheorien das Stichwort ‚Rationalität’, dessen Gebrauch anders ‚Rationalismus’ etwaige Assoziationen zu den historischen Auseinandersetzungen um die klassischen Positionen vermeidet. Heute werden neben vier basalen Rationalitätstypen (Schnädelbach, aufbauend auf Kant) rund fünfzig verschiedene Rationalitätstypen unterschieden.


Literatur

Für Literatur zu Rationalitätsbegriff und -theorien siehe dort.
  • Laurence BonJour: In Defense of Pure Reason, Cambridge University Press, . Cambridge, U.K. 1998.
  • Ders.: A Rationalist Manifesto. in: Canadian Journal of Philosophy Supp. 18 (1992), S. 53–88.
  • John Cottingham: Rationalism, Paladin, London 1984.
  • Ders.: The Rationalists, Oxford University Press, Oxford 1988.
  • Willis Doney: Rationalism, in: Southern Journal of Philosophy Supp. 21 (1983), S. 1–14.
  • Anthony Kenny (Hg.): Rationalism, Empiricism and Idealism, Oxford University Press, Oxford 1986.
  • Louis E. Loeb: From Descartes to Hume. Continental Metaphysics and the Development of Modern Philosophy, Cornell University Press, Ithaca, NY 1981.
  • Alan Nelson (Hg.): A Companion to Rationalism, Blackwell, Oxford 2005.
  • Christopher Peacocke: Three Principles of Rationalism, in: European Journal of Philosophy 10 (2002), S. 375–397.
  • R. Specht (Hg.): Rationalismus (Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung (hg. Rüdiger Bubner), Bd. 5), Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1979; Neuausgabe 2002. Auswahl repräsentativer Quellentexte mit einführenden Erläuterungen

Rationalism and Empiricism, Ersch. vorauss. 2008 in: S. Chapman, C. Routledge (Hgg.): Key Ideas in Linguistics and the Philosophy of Language, Edinburgh: Edinburgh University Press.
  • Peter Markie: „Rationalism vs. Empiricism“ in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (englisch, inklusive Literaturangaben)
  • Thomas M. Lennon und Shannon Dea: „Continental Rationalism“ in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (englisch, inklusive Literaturangaben)
  • Rudolf Eisler: Art. Rationalismus, in: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, 1904.
  • Einzelnachweise

    1. Vgl. z.B. Loeb 1981; Kenny 1986; Peter J. Markie: Art. Rationalism, in: Routledge Encyclopedia of Philosophy, § 1.
    2. G. Gawlick: „Rationalismus I“, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, HWPh Bd. 8 S. 30301 bzw. HWPh Bd. 8, 1992, S. 44, mit Bezug auf A. Hatzfeld / A. Darmesteter: Dict. de la langue franç., Paris 1890–93 s.v.
    3. Julian Nida-Rümelin: Strukturelle Rationalität. Ein philosophischer Essay über praktische Vernunft, Ditzingen 2001; Ders.: Rationale Ethik. In: Pieper, Annemarie (Hrsg.), Geschichte der neueren Ethik. Gegenwart. Bd. 2, Francke: Tübingen u.a. (1992), S. 154-172.

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