Schleier des Nichtwissens


Der Schleier des Nichtwissens (veil of ignorance) ist ein wichtiger Bestandteil der Gerechtigkeitstheorie von John Rawls, der den Zustand der Menschen in einer fiktiven Entscheidungssituation bezeichnet, in dem sie zwar über die zukünftige Gesellschaftsordnung entscheiden können, aber selbst nicht wissen, an welcher Stelle dieser Ordnung sie sich später befinden werden, also unter einem “Schleier des Nichtwissens” stehen.

Rawls geht davon aus, dass in diesem „Urzustand“ („original position“, allzu oft in unglücklicher Weise als Naturzustand gedeutet) alle Menschen völlig gleich sind und deswegen keine aufeinander oder gegeneinander gerichteten Interessen haben. Ebenso werden sie aus demselben Grunde ihre Entscheidung über die Gerechtigkeitsprinzipien nicht verfälschen können und sich so für einen gerechten Gesellschaftsvertrag entscheiden.

Diese völlige Gleichheit erreicht Rawls, indem er von folgenden Faktoren des Menschen und des menschlichen Lebens abstrahiert:

  • Stellung innerhalb der Gesellschaft, sozialer Status
  • Einkommens- und Vermögenslage
  • geistige und physische Fähigkeiten
  • besondere psychologische Neigungen
  • Vorstellung vom Guten
  • Hautfarbe, Rasse
  • Geschlecht
  • Religionszugehörigkeit.

Aus dieser abstrakten Gleichheit folgt unmittelbar die Unparteilichkeit der Menschen, aufgrund derer sie aus einer Reihe von möglichen Gerechtigkeitsprinzipien die Rawlsschen wählen sollten. Darin ist nun keine logische Beziehung zu sehen; es handelt sich um eine in der normativen Gerechtigkeitstheorie argumentativ dargelegte Behauptung.

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