Tonart
Eine Tonart ist in der abendländischen tonalen Musik eine Stufenfolge von in der Regel sieben verschiedenen Tönen innerhalb einer Oktave (Tonleiter), die auf einen bestimmten Grundton (Tonika) bezogen sind. Die zugehörige Tonleiter enthält eine bestimmte Auswahl von Tönen aus der chromatischen Tonleiter und ordnet sie so an, dass ihre Abfolge von Ganz- und Halbtonschritten einem Tongeschlecht (Dur oder Moll) oder einer Kirchentonart (einem Modus) zugeordnet ist.
Auch in außereuropäischen Tonsystemen, zum Beispiel der klassischen arabischen oder indischen Musik, gibt es Tonarten und Tonleitern, die jedoch oft mehr als sieben festgelegte Tonstufen enthalten: siehe Mugam, Maqam und Raga.
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Bezeichnung
Eine Tonart wird durch den Namen des Grundtons und die Art der Tonleiter, die darauf aufbaut, bezeichnet.[1] In der vorklassischen abendländischen Musik gab es zunächst sieben, nach manchen Tonsystemen zwölf verschiedene modale Tonleitern, die Kirchentonarten. In der klassischen Musik wurden Tonarten nur noch nach dem Tongeschlecht – Dur oder Moll – unterschieden. Dabei entspricht die Dur-Tonleiter dem Ionischen, die spätere natürliche Moll-Tonleiter dem Äolischen Modus. Auch der Lydische und Mixolydische Modus gehören wegen einer großen Terz auf ihrer dritten Tonleiterstufe dem Tongeschlecht Dur an, unterscheiden sich aber auf anderen Tonleiterstufen von der Dur-Tonleiter. Daher können Tonart, Tonleiter und Tongeschlecht nicht gleichgesetzt werden.
Merkmal von Musikstücken
Tonale Musikstücke stehen in der Regel in einer bestimmten Tonart, der sich ihre wichtigsten Abschnitte (vor allem der Schluss, oft auch der Anfang) zuordnen lassen. Mit Kompositionsmethoden wie Modulation und Rückung können die Tonarten innerhalb eines Stücks wechseln, wobei sie meist irgendwann zur Haupttonart zurückführen, so dass diese in der Regel innerhalb eines Stückes dominiert und damit seinen musikalischen Charakter mitbestimmt.
Die Tonart eines Stückes kann insgesamt transponiert werden, indem ein anderer Grundton gewählt und alle Töne des Stückes im gleichen Abstand zu den Originaltönen versetzt werden, so dass ihre Intervalle zueinander und damit das Tongeschlecht unverändert bleiben. Dadurch ändert sich der wesentliche Charakter des Stückes also nicht. Transponieren ist besonders zu Aufführungszwecken populärer Musik üblich und legitim, etwa um ein Stück der Stimmlage von Sängern oder Grundstimmung von Instrumenten anzupassen. In vorklassischer Kunstmusik werden jedoch zum einen oft nicht-gleichstufige Stimmungen verwendet, zum anderen legten Komponisten seit etwa 1700 die Tonart oft ausdrücklich fest, so dass sie im Namen des Stücks genannt wird. Dann ist die angegebene Tonart wesentlich für den vom Komponisten gewünschten Charakter des Stückes und damit für seine Aufführung.
Notation
Die übliche europäische Notation geht von den sieben Stammtönen der C-Dur-Tonleiter aus (a, h, c, d, e, f, g) und bezeichnet alle davon abweichenden Tonstufen der gewünschten Tonart mit Hilfe von Versetzungszeichen (Kreuze oder Bes). Mit der Tonart eines Stückes sind auch die darin in Relation zu C-Dur versetzten Tonstufen von vornherein festgelegt, so dass sie als Vorzeichen zu Beginn des Notensystems jeder Zeile notiert werden und damit die reguläre gleichbleibende Versetzung dieser Tonstufen für die Gesamtdauer eines Stückes oder Abschnitts markieren. In Verbindung mit dem Schlusston und/oder Schlussakkord geben diese Vorzeichen also einen Hinweis auf die Tonart, in der dieses Stück oder dieser Abschnitt stehen.
Die Art und Anzahl der Vorzeichen ergibt sich aus der Entfernung der jeweiligen Tonart von der Ausgangstonart C-Dur, wie sie durch die Anordnung aller Tonarten im Quintenzirkel ersichtlich wird. Dabei bezeichnet jede Vorzeichen-Variante jeweils eine Dur-Tonart und die dazugehörige parallele natürliche Molltonart. Ein Stück ohne Vorzeichen kann also in C-Dur oder in a-Moll stehen; ein Stück mit einem Kreuz in G-Dur oder e-Moll, eins mit einem Be in F-Dur oder d-Moll usw. Eine verlässliche Entscheidung kann meist nur mit Blick auf den Schlusston getroffen werden, der fast immer mit dem Grundton identisch ist.
Auch die Modi werden mit Hilfe von Vorzeichen notiert; hier können bestimmte Vorzeichen jedoch je nach dem Grundton desselben Tonvorrats verschiedene Modi bezeichnen. Eine Tonleiter mit zwei Kreuzen zum Beispiel, die die Töne von D-Dur enthält, kann ausgehend vom Grundton e E-Dorisch, ausgehend vom Grundton a A-Mixolydisch, vom Grundton g dagegen G-lydisch sein.
Andere Tonleitern als Dur, natürliches Moll und Kirchentonarten – etwa Harmonisch-Moll oder Tonleitern aus osteuropäischer, jüdischer oder arabischer Musik – werden nicht durch reguläre Vorzeichen zu Beginn des Notensystems, sondern durch jeweils vor Einzelnoten gesetzte Versetzungs- oder Auflösungszeichen notiert, die von den Tonstufen einer zugrunde gelegten Dur- oder Molltonleiter abweichen. Hierin spiegelt sich, dass Dur und Moll in der neuzeitlichen abendländischen Musik als Regel, andere Tonleiterarten als Ausnahmen betrachtet werden.
Anordnung und Verwandtschaft
Ohne Vorzeichen
Kreuz-(♯)-Tonarten (rechte Seite des Quintenzirkels):
- G-Dur und e-Moll: ein Vorzeichen Fis
- D-Dur und h-Moll: zwei Vorzeichen Fis und Cis
- A-Dur und fis-Moll: Fis/Cis/Gis
- E-Dur und cis-Moll: Fis/Cis/Gis/Dis
- H-Dur und gis-Moll: Fis/Cis/Gis/Dis/Ais
- Fis-Dur und dis-Moll: Fis/Cis/Gis/Dis/Ais/Eis
- Cis-Dur und ais-Moll: Fis/Cis/Gis/Dis/Ais/Eis/His
Be-(♭)-Tonarten (linke Seite des Quintenzirkels)
- F-Dur und d-Moll: B
- B-Dur und g-Moll: B/Es
- Es-Dur und c-Moll: B/Es/As
- As-Dur und f-Moll: B/Es/As/Des
- Des-Dur und b-Moll: B/Es/As/Des/Ges
- Ges-Dur und es-Moll: B/Es/As/Des/Ges/Ces
- Ces-Dur und as-Moll: B/Es/As/Des/Ges/Ces/Fes
Die Tonarten Cis-Dur/ais-Moll, Ces-Dur/as-Moll mit jeweils sieben Vorzeichen werden in Kompositionen nur selten verwendet. Die Tonarten Gis-Dur, Dis-Dur, Ais-Dur, des-Moll, ges-Moll und ces-Moll werden normalerweise gar nicht verwendet, weil ihre Notation mehr als sieben Kreuze oder Bes erfordern würde. Stattdessen setzt man sie mithilfe der enharmonischen Verwechslung mit einer jeweils gleich klingenden, aber weniger Vorzeichen erfordernden Be- oder Kreuztonart gleich. Cis-Dur (sieben Kreuze) wird dann zum Beispiel mit Des-Dur (fünf Bes) identifiziert, Des-Moll (sieben Bes) mit Cis-Moll (vier Kreuze) usw.
Abgrenzung von Tonarten
Obwohl der Begriff Tonart meist im oben beschriebenen strikten Sinne verwendet wird, ist er darüber hinaus auch ein umfassenderer Begriff für den harmonischen Bedeutungszusammenhang, in dem sich ein Stück bewegt.
Tonarten haben keine scharfen Begrenzungen. Man könnte also nicht exakt sagen, welche Töne zu einer Tonart gehören und welche nicht. Es ist der harmonische und besonders der melodische Zusammenhang, welcher den Ausschlag gibt. Dies gilt besonders dann, wenn keine Festlegung durch eine Notenschrift vorliegt und man nach dem Gehör entscheiden muss.
Obwohl sich Tonarten durch den Gebrauch ihrer Tonleitern deutlich hervorheben, tauchen in jedem anspruchsvolleren Stück auch gehäuft Töne außerhalb der Tonleitern auf, ohne dass man bereits von einem Tonartwechsel sprechen würde.
Eine Tonart wird zu einem erheblichen Teil durch das Vorkommen charakteristischer Wendungen in Form von Progressionen, Melodien und Kadenzen bestimmt, die gemeinsam auf ein Tonales Zentrum hinweisen.
Siehe auch
- Anderssprachige Tonbezeichnungen
- Quintenzirkel
- Tonartencharakter
- Tonales Zentrum
- Funktionstheorie, Stufentheorie (Harmonik)
Einzelnachweise
- ↑ Claus Ganter: Die dur-moll-tonale Harmonik. 2. Auflage, Zürich 1978, S. 45