Urartu

DMS
Tušpa
DMS
Erebuni
DMS
Rusahinli Eidorukai
DMS
Argištihinili
DMS
Teišebai URU
DMS
Šarduriḫinili
DMS
Ḫaldiei URU Ziuqinui
DMS
Musasir
DMS
Rusai URU.TUR
Urartu

Urarṭu, (urartäisch Biainili, assyrisch KURArtaya KURURI akkadisch KURUraštu, biblisch vermutlich Ararat) war ein kleinasiatisches Reich um den Vansee, das sich später bis in das Urmia- und Sewan Becken sowie die Arax-Ebene ausbreitete.

Inhaltsverzeichnis

Lage

Urarṭu lag im östlichen Anatolien, umfasste Teile Transkaukasiens und hatte seine Ostgrenze am Urmia-See. Die Südgrenze bildete die Wasserscheide zwischen dem kleinen Zab und dem Urmia-See[1] westlich von Mahabad und Miandoab (Taštepe-Inschrift). Im Westen reichte es bis in das Gebiet von Erzincan[2].

Die Pässe von Mesopotamien sind schwierig und selbst heute noch oft von November bis Anfang Mai unpassierbar[3], “schreckliche Berge, die wie die Spitze eines Dolches gegen den Himmel ragen” [4].

Das Gebiet von Urarṭu ist sehr gebirgig, heute liegen hier durchschnittlich mehr als 80 Tage Schnee pro Jahr, viele Pässe sind von September bis Mai unpassierbar[5]. Die Bergplateaus, auf denen Ackerbau möglich ist, liegen gewöhnlich um so höher, je weiter man nach Norden kommt. Lediglich das Tal des Araxes bildet hier eine Ausnahme[6].

Bezeichnung

Uruatri taucht zuerst in mittelassyrischen Texten aus dem 13. Jahrhundert als geografische Bezeichnung auf. Šulmanu-ašared I. beschreibt einen Feldzug gegen Uruatri, auf dem er 8 Länder (darunter KUR-Zingum) und 52 Städte zerstörte. Bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts lokalisierten die Assyrer Uraṭu eher westlich des Vansees[7]. Salmanassar III. nennt die Städte Arzaškun und Sugunia, ihre Lage ist unbekannt.

Die “Urartäer” selbst verwendeten die Bezeichnung Urarṭu nie, mit der möglichen Ausnahme der Topzawa-Bilingue[8]. Urartu wird zuerst in den Annalen von Salmanassar I. erwähnt. Man nimmt gemeinhin an, dass es mit dem neo-assyrischen Urarṭu identisch ist, Zimansky lehnt eine solche Gleichsetzung aber wegen fehlender Belege ab[9]. Auf der Kel-i-Schin-Bilingue nennt sich Išpuini in der akkadischen Fassung Köning von Nairi und Herr der Tušpa-Stadt, in der urartäischen König der Biainili-Länder. Zimansky hält Biainili[10]für den einheimischen Namen des Königreiches von Urartu. Uraštu wird in der keilschriftlichen Behistun-Inschrift von Darius I. erwähnt und entspricht hier dem Armenien der persischen Fassung. Möglicherweise lebte die assyrische Bezeichnung unter den Achämeniden daher als geografischer Terminus weiter.

Wie schon Friedrich Wilhelm König betonte, sollte Urartu als (assyrische Bezeichnung einer Landschaft) und das Reich Urartu (korrekter die Biainili-Länder) nicht gleichgesetzt werden.

Ausdehnung

Urartu unter König Rusa

Die Hauptstadt Tušpa (heute Van) lag am Vansee. Benachbarte Staaten und Stämme waren unter anderem Assyrien im Süden, das Königreich der Mannäer im Südosten, sowie in der Spätphase die Kimmerer und Skythen im Norden. Zeitweise erreichten die Urartäer Karkemiš am westlichen Euphratbogen im Süden und Qulha im Nordwesten. Das Reich umfasste zeitweise dem Sewansee und das Araxes-Tal im Norden[11], dem Urmia-See im Osten und Rowanduz im Südosten. Die maximale Ausdehnung betrug etwa 600×500 km²[12]. Es wird gemeinhin angenommen, dass entweder Išpuini oder sein Sohn Menua um 810 Hasanlu in Mannai eroberten[13]. Gegen Ende der Regierungszeit von Išpuini finden Feldzüge zum südlichen und westlichen Teil des Urmia-Sees statt, die unter anderem durch die Inschriften von Taštepe und Karagündüz belegt sind[14].

Feldzüge urarṭäischer Herrscher fanden bis an die heutige georgische Grenze statt, was aber nicht zu einer dauerhaften Eroberung führte[15].

Sprache

Die Urartäer sprachen eine dem Hurritischen verwandte kaukasische Sprache, vgl. den Artikel über die Urartäische Sprache. Eine Verwandtschaft mit den Nachischen Sprachen wird von vielen Wissenschaftlern vermutet, ist jedoch noch nicht bewiesen.

Urartäische Lehnworte in anderen Sprachen sind selten[16]. Die schriftliche Überlieferung setzt erst Ende des 9. Jahrhunderts ein und besteht ausschließlich aus Königsinschriften, die in Stein gemeißelt sind. Tontafeln (unter anderem aus Toprakkale, Kamir blur, Bastam und Ayanıs[17]) werden erst ab der Regierung von Rusa II. gefunden. Ihr Schriftduktus unterscheidet sich deutlich von den in den lebenden Stein gemeißelten Königsinschriften, was vielleicht auf eine längere eigenständige Entwicklung hindeutet[18].

Friedrich Wilhelm König äußerte die Vermutung, dass es sich bei der, seiner Meinung sehr unglücklich als urartäisch bezeichneten Sprache um die Sprache lediglich der Oberschicht handeln könne. “Kein Volk und kein Stamm, nur eine Dynastie ist die Trägerin dieser Sprache…”[19]. Diese Frage ist eng mit der nach der Ausbreitung der armenischen Sprache verbunden.

Forschungsgeschichte

Tontafel von Sargon II. mit Einzelheiten zu seinem Feldzug 714 v. Chr. gegen Urartu (Louvre)

Die Forschungsgeschichte von Urartu ist abenteuerlich und reicht bis 1827 zurück.

Quellen

Wichtige Geschichtsquellen sind die in den gewachsenen Fels gehauenen königlichen Inschriften, die seit Sarduri I. angelegt wurden. Momentan sind über 400 bekannt [20]. Sie beschreiben entweder die Eroberungen oder die Bauwerke der jeweiligen Herrscher[21]. Meist wurden die nach einem Feldzug in einem neu eroberten Gebiet angebracht und beschreiben formularisch die Eroberung und den erhobenen Tribut. Die längsten dieser Inschriften sind die Annalen von Argišti I. und Sarduri II. 35% der von G. A. Melikišvili (1960; 1971) gesammelten Inschriften beschreiben königliche Bauten (Festungen und Bewässerungsanlagen). Manchmal wird auch die Herkunft des Baumaterials erwähnt (”Ich brachte diese Steine aus der Stadt Alniunu. Ich habe diese Mauer errichtet” [22]. Felsinschriften waren offensichtlich dem König vorbehalten.

In Bastam, Kamir Blur und Toprakkale wurden einige wenige Tontafeln entdeckt, insgesamt sind bisher 22 bekannt[23]. Privatarchive wurden bisher nicht entdeckt. Meist wurde Keilschrift verwendet, es gibt aber eine Inschrift mit Hieroglyphen, die entfernt den luwischen Hieroglyphen ähneln. Diese kommen auch auf Metallobjekten und Scherben vor. Aus Altıntepe sind luwische Gefäßinschriften überliefert. Viele Artikel aus den Zitadellen tragen Besitzerinschriften, zum Beispiel Pferdegeschirr und Helme. Schilde und Speere dienten als Weihgeschenke, was in Inschriften auf den Objekten festgehalten wurde. Diese sind eine weitere wichtige epigraphische Quelle[24]. Da die Könige gewöhnlich den Namen ihres Vaters anführen, erlauben sie die Rekonstruktion der Genealogie. Bisher sind ca. 290 bekannt[25], sie stammen aber meist von Objekten aus dem Kunsthandel ohne gesicherte Herkunft.

Aus dem Gebiet des Vansees sind in der Bronzezeit keine Siedlungen belegt. Die Gräberfelder von Dilkaya und Karagündüz[26] stammen aus der frühen Eisenzeit. Gewöhnlich wird angenommen, dass die Bevölkerung am Ende des dritten Jahrtausends zu nomadischer Viehzucht überging[27]. Ähnliche Entwicklungen finden sich in Transkaukasien und in Iranisch-Aserbaidschan.

Geschichte

siehe Hauptartikel Geschichte des urartäischen Reiches

Frühe Könige (Arzaškun in Nairi)

  • ab mindestens 858 bis mindestens 843/höchstens 824 v. Chr. Arama, Herrscher der Stadt Arzaškun

Aufstieg zu Regionalmacht

  • ab mindestens 832 - 825 v. Chr. Sarduri I. Sohn des Lutipri, in den Anfängen noch regionaler Herrscher neben Kakia im Gebiet von Nairi.
  • 825 - 810 v. Chr. Išpuini
  • 820 - 810 v. Chr. Išpuini und Minua
  • 810 - 785 v. Chr. Minua, Sohn des Išpuini
  • 785 - 753 v. Chr. Argišti I.
  • 753 - 735 v. Chr. Sarduri II., Sohn des Argišti
  • 735 - 714 v. Chr. Rusa I.
  • 714 - 680 v. Chr. Argišti II., Sohn des Rusa
  • 680 - 639 v. Chr. Rusa II., Sohn des Argišti, 690-660 nach Salvini 2006

Ende der assyrischen Quellen

Wirtschaftsweise

heutige durchschnittliche Niederschläge im Gebiet von Van

In Urartu war Ackerbau ohne Bewässerung möglich. Die zahlreichen Bewässerungsanlagen versorgten entweder Sonderkulturen wie Obst- und Weingärten oder verbesserten das Weideland für Vieh, insbesondere Pferde. Das Gebiet des Sewansees ist das feuchteste Gebiet von Urartu mit ca. 500mm Niederschlag pro Jahr[rb 1].

Ackerbau wurde hauptsächlich an den Ufern der großen Seen, Sewan, Urmia und Van betreiben. Mehrere urartäische Könige legten ausgedehnte Bewässerungsanlagen an. Menua baute einen Kanal, einen Menua-Kanal (Menuai pili, heute Semiramis arkı), um die Wasserversorgung von Tušpa mit dem Wasser aus dem Hosab Su sicherzustellen. Weitere Kanalbauten sind durch Inschriften aus Adaköy, Bakımlı, Katembastı, Edremit und Hotanlı belelgt. Rusa II. ließ unter anderem den (Keşiş Gölü- Stausee im Varak Dağı anlegen, um die Wasserversorgung von Tušpa zu sichern. Er existiert noch heute. Weitere urartäische Staudämme wurden am Kırcagöl, Süphan Gölü und Milla Göleti (Arpayatağı) errichtet, auch der Gelincik Dam, Kırmızı Düzlük Dam (Deste Sor) und der Arç Dam (Dest Baradjı) datieren in urartäische Zeit und funktionieren teilweise noch bis heute[28]. Sargon beschreibt in seinem achten Feldzug, wie er den Bewässerungskanal, der Ulhu versorgte, zerstören ließ.

Durch die Analyse von Makroresten aus Anzavurtepe wurde der Anbau von Hartweizen (vorherrschend), Emmer, Gerste (vermutlich zweireihig) und Hülsenfrüchten (Linsen, Wicke und Kichererbse/Gras-Platterbse) nachgewiesen[29]. An Unkräutern kamen Labkraut, Roggentrespe, Knöterich, Schuppenköpfe und Günsel vor. Nacktgetreide dominierte deutlich. Auch der Weinbau muss bedeutend gewesen sein. Kamir Blur besaß 5 Magazine, in denen Wein in mannshohen Pithoi aufbewahrt wurde. Piotrovski schätzt ihre Kapazität auf 34000 l[30]. Aus einer Inschrift von Sarduri II. ist bekannt, dass er bei Erciş einen Wingert anlegte[31].

Nomadische Viehzucht war bedeutend, wie das häufige Vorkommen von Vieh in den Tributlisten der urartäischen Könige belegt. Urartu war für seine Pferde berühmt[32]. Gefäße zum Buttern sind dagegen in den großen Festungen eher selten, aber auch eher auf der Alm zu erwarten. In Kamir Blur und Teišebai URU wurden eine Reihe von Gefäßen gefunden, die der Ausgräber mit der Herstellung von Käse in Verbindung bringt[33]. Solche Gefäße wurden auch in Adilcevaz, Altıntepe, Aragatsa, Argištihinili, Bastam, Erebuni, Haykaberd, Kayalıdere, Ošakana und Tušpa gefunden.

Bergbau war sicher wichtig, in dem Gebiet von Uratu stehen sowohl Edelmetalle als auch Kupfer an. Im Gebiet des Sewansees findet sich eine Konzentration von Festungen in der Ebene von Masrik, die vielleicht die Goldminen von Sot`k` kontrollierten[rb 2].

Siedlungen

Festungen

Raffaele Biscione bezeichnet Urartu als einen “nicht-urbanen Staat” [34]. Das urartäische Siedlungswesen war durch Festungen gekennzeichnet, sie waren auch Verwaltungsmittelpunkte, religiöse Zentren und wurden als Vorratslager genutzt[35]. Sie dienten in Kriegszeiten als Zufluchtsort. Ihre Garnisonen waren vermutlich nur klein. Festungen übernehmen in Urartu also die Rolle der nichtexistenten Städte. Allerdings ist das Gebiet außerhalb der Befestigungen selten untersucht worden, die Untersuchungen von Paul Zimansky in Ayanıs bilden hier eine Ausnahme[36].

Biscione sieht in dem urartäischen Siedlungsmuster eine Mischung aus dem Kaukasischen Siedlungsmuster mit einer aristokratisch/militärischen Oberschicht und Befestigungen und einem mesopotamischen System, das durch einen Schwerpunkt auf Ackerbau, Bewässerung und einem ausgefeilten zivilen Verwaltungssystem beruht[rb 3].

Die Bauweise der urartäischen Festungen geht vermutlich auf die transkaukasischen zyklopische Festungen der frühen Eisenzeit zurück[37], die allerdings weniger regelmäßig sind, besonders in der Verteilung der Bastionen und der Wanddicke, und aus unbearbeiteten Steinen erbaut wurden. Sie entwickelten sich unter dem Einfluss der assyrischen und hethitischen Fortifikationstechnik[38].

Siehe: Liste urartäischer Befestigungen

Die Befestigungen wurden vor allem von Kriegsgefangenen errichtet. Die Fundamente der Festungen waren oft als Stufen in den nackten Fels gehauen (früher als Stufentempel fehl gedeutet). Man zog es offensichtlich vor, die Festungen auf jungfräulichem Gelände zu errichten, die Könige rühmen sich oft, die Wildnis gezähmt zu haben [39]. Es gibt nur wenige Ausnahmen, wie Horom, das auf Siedlungsresten aus der Frühbronzezeit erbaut ist[40]. Vielleicht wurden die Reste von Vorgängerbauwerken aber teilweise auch vor der Grundsteinlegung entfernt Die Mauern aus standardisierten Lehmziegeln standen gewöhnlich auf einem Sockel aus Trockenmauerwerk, der ca. 1 m hoch war. Ihr Umriss war gewöhnlich rechteckig. Wichtige Gebäude hatten regelmäßige Quadermauern. Im 8. Jahrhundert wiesen die Festungen abwechselnd kleine und große Bastionen auf, im 7. Jahrhundert ging man zu gleichgroßen Bastionen über. Als Baumaterial verwendete man bevorzugt Basalt[41]. Die Festungsstädte wurden als É.GAL (eigentlich Palast) bezeichnet[42].

Kleiss unterscheidet eine ältere und eine jüngere Phase. Die Ältere ist durch ein rigides rechtwinkliges Gitter gekennzeichnet, das aufwendige Terrassierungen notwendig macht. Die Außenmauern weisen Ecktürme und rechteckige Bastionen auf. In regelmäßigen Abständen sind Risalit angebracht. Rechteckige Türme springen sowohl nach Außen als auch nach Innen vor. In der jüngeren Phase ist die Form und das Layout der Festung, besonders der Außenmauer dem Terrain angepasst. Die massiven Türme werden zugunsten breiter, wenig abgesetzter Risalite aufgegeben.

Biscione geht von vier Klassen von Festungen aus, neben den E.GAL Kleiss’ kleine, mittlere und große Festungen, die vermutlich verschiedene Verwaltungsebenen repräsentieren[rb 4]. Festungen liegen meist unterhalb von 2000m. Generell scheinen sich die Urartäer auf die Kontrolle von fruchtbarem Ackerland und wichtigen Verkehrswegen konzentriert zu haben[rb 5]. Die Siedlungen der frühen Eisenzeit erstrecken sich oft bis in wesentlich höhere Lagen.

Abbildungen urartäischer Festungen stammen vom Balawat-Toren von Salmanasser III., assyrischen Palastreliefs[43] und urartäischen Bronzemodellen, zum Beispiel das unvollständige Exemplar aus Toprakkale[44]. Es zeigt ein zweiflügliches Tor, getreppte Zinnen, einen schmalen Turm und schmale Fenster im oberen Bereich der Mauer. Stilisierte Festungen sind außerdem auf Bronzegürteln, Siegeln, Elfenbeinplatten (vermutlich Möbelteile), Steinreliefs und verzierten Knochen bekannt. Das Motiv eines heiligen Baumes, der aus einem stilisierten zinnenbewehrten Turm wächst, ist von Bronzeschalen aus Kamir Blur bekannt und wurde auch als Siegel verwendet [45]. Vajman [46] und Movsisjan [47] nehmen an, dass es sich um das urartäische Sinnbild für Festung insgesamt handeln könnte.

Wichtige Siedlungen in der Ararat-Ebene waren unter anderem Erebuni, Argištihinili, Karmir Blur, Ošakan, Aragats, Iğdır und Eriwan[48]. Nördlich des Araxes ist eine urartäische Anwesenheit bisher nur durch Inschriften belegt [49]

Suburbien

Um zumindest einige der Festungen lagen Zivil-Siedlungen. So wurden auf dem Güney-Tepe in Rusahinili große Privathäuser entdeckt, die Zimansky einer urartäischen Elite zuweist. Hier fand sich die höchste Konzentration der rotpolierten Toprakkale-Ware, auch die Tierknochen weisen auf eine bessere Versorgung hin. In dem Gebiet von Pinarbasi wurden große, offensichtlich zentral geplante Strukturen gefunden[50]. Auch in Bastam gab es ein suburbium 150 m unterhalb der Zitadelle. Es bedeckte eine Fläche von 600×300 m, mit großen, E-W orientierten Häusern. Funde von Tonbullen verweisen auf Handel. Rotpolierte Toprakkale Ware ist häufig. Die Siedlung wurde friedlich aufgegeben[51].

Straßenstationen

Straßen wurden von viereckigen befestigten Straßenstationen aus bewacht. Beispiele stammen aus:

  • Bastam, Befestigung des 8. Jahrhunderts, zwischen dem Aq Chai und der Ebene von Qara Zia Eddin[52]
  • Uzub Tepe zwischen Bastam und Van
  • Zulümtepe an der Straße von Van nach Westen

Ländliche Siedlungen

Nach assyrischen Quellen von 714 (8. Feldzug von Sargon II.) waren die ländlichen Siedlungen meist klein, vielleicht nur Einzelhöfe, und lagen verstreut. Sie sind bisher nicht durch Ausgrabungen erschlossen.

Politische Gliederung

  • Urmia-Ebene: Provinzhauptstadt Qal’eh Ismail Agha [rb 6].
  • Südlicher Sewansee: Königsinschriften aus Tsovak, Tsovinar und Kra[rb 2]. Tsovinar (dIM-I URU) war vermutlich die Provinzhauptstadt.

Heer

Unter Sarduri II. wurden die šurele vom Militärdienst befreit. Diakonoff [53] sieht in ihnen die eigentlichen ethnischen Urartäer. Danach bestand das Heer vor allem aus den hurādele (LUA.SI), den Kriegern, die vielleicht der deportierten Bevölkerung Urartus entstammten (A.SI.RUM).

Materielle Kultur

Die uarartäische materielle Kultur ist sehr gleichartig und zeigt in den 200 Jahren des urartäischen Reiches wenig Veränderung[54]. Paul Zimansky nimmt eine strikte staatliche Kontrolle der Produktion an[55]. Van Loon [56] unterteilt die urartäische Kunst in einen Hofstil, der direct durch die königliche Verwaltung kontrolliert wurde, und einen Volksstil. G. Azarpay [57] teilt die Entwicklung der materiellen Kultur in vier Phasen ein:

  • frühe Phase
  • Übergangsphase
  • 2. Phase
  • Spätphase

In der späten Phase werden erzählende Szenen und bildliche Darstellungen insgesamt seltener. Ekrem Akurgal unterscheidet

  • Ringstil, 8. und 7. Jahrhundert
  • Buckelstil, 7. und 6. Jahrhundert.

Unter Rusa II. nimmt der assyrische Einfluss auf alle Bereiche der (staatlichen) materiellen Kultur stark zu[58]

Die rote, glänzend polierte Toprakkale-Keramik (Charles Burney) gilt als typisch urartäisch. Sie kommt vor allem in den großen Festungen vor. Auch die großen Pithoi sind fast völlig auf Festungen beschränkt. Besonders unter Rusa II. wurden sie oft mit Stempelsiegeln markiert, vermutlich in zentral kontrollierten Werkstätten[59]. Viele der keramischen Formen ahmen Metallgefäße nach[60]. Rhythoi sind meist reich verziert. Teilweise haben sie die Form eines Schuhs[61].

Auch die großen Pithoi sind fast allein auf Festungen beschränkt. Auf der Gefäßschulter ist manchmal das Volumen, manchmal auch der Name der Festung, aus der sie stammen, vermerkt[62]. Die unverzierte, braune bis beige tongrundige Ware der Gebrauchskeramik ist zu dieser Zeit weit über Urartu hinaus, von Transkaukasien und dem Iran bis nach Nordsyrien verbreitet. Lampen wurden sowohl aus rotpoliertem als auch grobkeramischer Ware hergestellt. Kernoi wurden in Formen gepresst. Bemalte Keramik ist selten. Sie trägt meist braune oder schwarze geometrische Bemalung auf gelblichem Grund[63]. Darstellungen von wilden Ziegen scheinen für die Ararat-Ebene typisch. Steingefäße scheinen erstmals unter Rusa II. aufzutreten[64].

Schilde mit plastischen Löwenköpfen sind aus assyrischen Darstellungen von Musasir und den Berichten Sargons bekannt. In Ayanıs wurde ein solcher Bronzeschild ausgegraben [65]. Er hatte einen Durchmesser von ca. 1m und wog 5,1kg.

In der Verwaltung wurden vor allem Stempelsiegel verwendet. Siegel von Beamten tragen meist eine keilschriftliche Inschrift, oft den Namen des Königs. Gewöhnlich wird ein “Reichsstil” von den einfacheren, inschriftenlosen Siegeln unterschieden. Neben Königssiegeln sind auch Prinzensiegel bekannt. Die Rolle dieser Prinzen in der Verwaltung des Reiches ist unklar.

Kleidung

Wichtigste Quellen für urartäische Kleidung und Rüstung sind assyrische Reliefs, urartäische Kleinkunst und Grabfunde. Leider sind die meisten bekannten urartäischen Gräber ausgeraubt und die Beigaben gelangten in den Kunsthandel.

Gürtel

Punzverzierte Bronzestreifen, die meist als Gürtel beschrieben werden, sind aus den Gräbern urartäischer Adeliger bekannt[66]. Sie liegen jedoch meist nicht auf dem Körper des Bestatteten, sondern zusammengefaltet mit anderen Bronzegegenständen zusammen. Hamilton erwähnt einen Gürtel aus Altıntepe bei Erzincan, der zusammen mit Pferdegeschirr und Teilen eines Streitwagens in einem Bronzekessel lagen. Feine Löcher entlang der Ränder zeigen an, dass die Bronzestreifen vielleicht auf eine Unterlage aus Leder oder einem anderen organischen Material aufgenäht waren. Die Gürtel sind sehr lang, das unvollständige Exemplar aus Altıntepe war mindestens 90 cm lang, für den ebenfalls unvollständigen Gürtel von Guschchi rekonstruiert Hamilton eine Länge von bis zu 2 m. Keiner der bekannten Gürtel besitzt eine Schließe.

Die Gürtel sind oft figürlich verziert, das Exemplar von Guschchi zum Beispiel mit Löwen, Rindern, Ziegen und einem Bogenschützen mit menschlichem Oberkörper und dem Leib eines Vogels (oder geflügelten Fisches?) [67]. Der Gürtel von Nor-Areš zeigt eine Löwenjagd in Streitwagen, Soldaten zu Fuß und zu Pferde sowie Greifen und Palmetten. Auf dem Gürtel von Ani-Pemza sind ebenfalls Vogelmänner abgebildet[68]. Vielleicht stehen sie mit den Harpyen-Darstellungen auf den Henkelattachen urartäischer Kessel in Verbindung. Andere Exemplare tragen eine geometrische Verzierung aus Reihen von Buckelpunzen und Ringpunzen oder Rosetten. Das Exemplar aus Altıntepe ist in Keilschrift beschriftet und stammt aus der Zeit von Argišti II.

Deutung

Piotrovsky interpretiert die Gürtel als Teil der Rüstung urartäischer Bogenschützen. Die Göttersymbole sollten den Trägern zusätzlichen magischen Schutz verleihen[69]. Hamilton will sie dagegen mit dem Geschirr von Streitwagen in Verbindung bringen[70].

Wichtige Fundorte

Religion

Götter

Die Inschrift von Meher Kapısı nennt zuerst Ḫaldi, dann den Wettergott, den Sonnengott und die “Versammlung der Götter” [73]. Darauf folgt Ḫutuini, vermutlich der Gott des Sieges. Reichsgott der Urartäer war seit Išpuini der Kriegsgott Ḫaldi, der auf einem Löwen stehend abgebildet wurde. Ḫaldi ist als Namensbestandteil seit mittelassyrischer Zeit belegt [74]. Unter Išpiuni wurde Ḫaldi Reichsgott, obwohl das Zentrum seines Kultes in Musasir außerhalb des eigentlichen urartäischen Reiches lag. Seine Begleiterin war Aruba(i(ni)/Uarubani oder Bagbartu. Seine Waffe ist der GIŠŠuri, nach König[75] ein Streitwagen, nach Diakonoff (1952) eine Waffe und nach Salvini ein Schwert oder Speer[76].

Attribut des Wettergottes Teišeba war der Stier, wie beim hurritischen Wettergott Teššup. Seine Begleiterin war Baba (”Berg”), seine Stadt Kumme/Qumenu. Das Pferd war das Tier des Sonnengottes Šiuini, seine Begleiterin hieß Tušpuea, seine Stadt Tušpa. Er hatte ein wichtiges Heiligtum im Tal des Bendimahi Çay bei Muradiye, aus dem auch eine Stele stammt[77]. Diese Gottheiten erscheinen nicht nur in Götterlisten, sondern auch in Verträgen. Aus den Listen ist mit Bestimmtheit sonst nur der Mondgott Šelarde identifizierbar. Möglicherweise kann ihm die vierte urartäische Kultstadt, Erdia, zugeordnet werden. Irmušini hatte seinen Tempel in Çavuştepe bei Erzen. Iubša war ein transkaukasischer Gott, dem Argišti in Arin-berd einen Tempel baute, er kommt auf der Meher Kapısı-Inschrift noch nicht vor. Die Götter wurden, wie in Mesopotamien, mit Hörnerkrone dargestellt[78].

Auch Berge wurden als göttlich verehrt und mit Opfern bedacht, so der Berg Eidoru bei Rusahinili (Ayanıs)[79], vermutlich der Süphan Dağı und dQilibani, der Zımzımdağ östlich von Van[80]. Adarutta war der Gott des Berges Andarutta an der Grenze zwischen Urartu und Musasir[81]. Er wird auch in den Annalen Sargons erwähnt.

Tempel

Die charakteristischen Turmtempel (É, su-si/se) wurden zuerst unter Išpuini erbaut und sind an Festungen gebunden. Sie werden nach dem Fall von Urartu nicht mehr errichtet. Solche Turmtempel sind aus Altıntepe, Anzavurtepe, Çavuştepe, Kayalıdere Toprakkale (Van), und vielleicht auch Zernaki Tepe bekannt. Sie bestehen aus einem quadratischen Gebäude mit massiven Steinfundamenten, sehr dicken Lehmziegel-Wänden und einer ebenfalls quadratischen Cella im Innern. Die Ecken springen gewöhnlich leicht vor. Der Zugang zur Cella erfolgte durch einen kurzen Gang und eine zurückgesetzte Außentür. Vor dem Turm befand sich ein kleiner offener Hof. Oft war der Turm mit anderen Gebäuden verbunden[82]. Da der Turmtempel in Ayanıs von mindestens zweistöckigen Gebäuden umgeben war, hält es Çilingiroğlu für möglich, dass er von außerhalb nicht zu erkennen war.

Schematische Skizze eines urartäischen Turmtempels
FundortAußenumfangCella
Altıntepe13,8 m5,2 m
Anzavurtepe13,6 m5 m
Bastam13,5m
Çavuştepe10 m4,5 m
Kayalıdere12,5 m5 m
Toprakkale13,8 m5,3 m

Man nimmt gewöhnlich an, dass die Tempel etwa doppelt so hoch wie breit waren. Stronach nimmt an, dass der Tempel von Altıntepe mindestens 26 m hoch war. Der Tempel von Ayanıs ist noch zu einer Höhe von 4,5, erhalten[83]. Ob das Dach flach war oder Giebel aufwies, ist umstritten. Knochen- und Metallmodelle solcher Tempel zeigen, dass sie drei Reihen eingetiefter Fensterschlitze besaßen, ob blind oder offen, ist unklar. Nur in Anzavurtepe und Çavuştepe stehen die Tempel an der höchsten Stelle der Festung, sonst liegt hier der Palast[84]. Die Wände der Cella und des Hofes waren oft bemalt oder mit Steinmosaiken versehen.

Der Ḫaldi-Tempel in Musasir, 714 von Sargon II. zerstört und nur von einem assyrischen Relief bekannt, war vermutlich ebenfalls ein Turmtempel. Er war allerdings recht niedrig und hatte sechs Pilaster an der Fassade, bisher ohne Parallelen.

Votivgaben wie Schilde, Helme und Bronze-Köcher hingen an der Fassade und manchmal in den Säulenhöfen im Tempelinneren[85]. Manchmal war die Cella bemalt, wie in Altıntepe[86]. Die Tempel waren mit Bronzekesseln, Leuchtern, Bronzethronen und -Schemeln ausgestattet. Stronach nimmt an, dass die urartäischen Tempel als Vorlage für die achämenidischen Turmtempel dienten, dies wird von anderen Forschern jedoch bezweifelt.

Zusätzlich gab es Tor-Tempel, in denen eine Nische eine Tür darstellte, aus der vielleicht der Gott Ḫaldi aus dem Felsen treten konnte. Die Inschrift von Meher Kapısı beginnt mit den Worten: “Für Ḫaldi, den Herren, errichteten Išpuini, Sohn des Sarduri, und Menua, Sohn des Išpuini diese Tür” [87].

Bestattungen

Sowohl Körper- als auch Brandbestattung wurde praktiziert. In letzterem Fall wurde die Asche in einer Urne beigesetzt, meist ohne Beigaben. Die Knochen wurden nach der Verbrennung zerkleinert. Urnen sind oft doppelt oder dreifach im oberen Teil des Gefäßkörpers durchbohrt, was als Seelenloch gedeutet wird[88]. Sie sind meist mit einer Schale verschlossen. Die meisten Gefäße sind zweitverwendete Grobkeramik, die oft Gebrauchsspuren aufweist[89]. Gewöhnlich handelt es sich um eiförmige Krüge mit kurzem abgesetzten Hals, ausgestellter Randlippe und flachem Boden. Sie sind gewöhnlich um die 30 cm hoch. Urnen finden sich auch in Felskammergräbern wie Adilcevaz, zusammen mit Körperbestattungen. Reiche Bestattungen weisen spezielle Grabkeramik auf, zum Beispiel reliefierte Ware mit Löwen- und Stierköpfen. In Altıntepe dienten Metallgefäße als Urnen[90]. Gräber wurden oft in den Felsen gehauen, sie hatten teilweise mehrere Kammern und dienten wohl als Familiengrablegen. Manche Felsgräber sind mit königlichen Inschriften assoziiert. Urartäische Felsgräber sind zum Beispiel aus Van und Qal’ev Ismail Agha bekannt[rb 7].

Geografie

Berge

urartäischer Nameheutiger NameLageAnmerkungenQuelle
Eidoru bei RusaḫiniliSüphan DağÇilingiroğlu/Salvini 1997
Eritiabei Arzaškun ?
QilibaniZımzımdağ?östlich von VanSalvini 1994, 210

Flüsse

urartäischer Nameheutiger NameLageAnmerkungen
Quelle
DaianaleMurat su?nördlich des Erciş dağıBewässerung durch Menua und Argisti I.Diakonoff/Kashkai 1981
PuranadeEuphrat-Sarduri II.Diakonoff/Kashkai 1981, 111
Tura[...]Diyala?-Argisti IDiakonoff/Kashkai 1981, 111
Alaini-bei VanRusa leitet den Fluss um, um die Wasserversorgung von Rusaḫinili Qilbanikai zu sichernGarbrecht 1980
IldaruniaHrazan?Tal von KubliniRusa I. erbaut den Bewässerungskanal UmešiniMelikišvili 1960, Nr. 281
UsnuGodarbei Qalatgar, IranDyson1989

Einzelnachweise

  1. Wolfram Kleiss, Bastam, an Urartian citadel complex of the 7th century B. C. American Journal of Archaeology 84/3, 1980, 304
  2. Tuğba Tanyeri-Erdemir, Agency, Innovation, change, continuity: considering the agency of Rusa II in the production of the imperial art and architecture of Urartu in the 7th Century BC, S. 268
  3. H. F. Russell, Shalmaneser’s Campaign to Urarṭu in 856 B.C. and the historical geography of Eastern Anatolia According to the Assyrian sources. Anatolian Studies 34 , 1984, 174
  4. Salmanasser III., Kurkh Monolith, ii 41-5
  5. Paul E. Zimansky, Archaeological enquiries into ethno-linguistic diversity in Urartu. In: Robert Drews (Hrsg.), Greater Anatolia and the Indo-Hittite Language family. Washington, Institute for the Study of Man, 2001, 17
  6. Kemalettin Köroğlu, The Northern Border of the Urartian Kingdom. In: Altan Çilingiroğlu/G. Darbyshire. H. French (Hrsg.), Anatolian Iron Ages 5, Proceedings of the 5th Anatolian Iron Ages Colloquium Van, 6.-10. August 2001. British Institute of Archaeology at Ankara Monograph 3 (Ankara 2005) 99.
  7. 2. Ergänzungsband der Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Völkerkunde 1983, 27
  8. Paul Zimansky, Urartian material culture as state assemblage, Bulletin American Association of Oriental Research 299, 1995, Anm. 6
  9. Paul E. Zimansky, Archaeological enquiries into ethno-linguistic diversity in Urartu. In: Robert Drews (Hrsg.), Greater Anatolia and the Indo-Hittite Language family (Washington: Institute for the Study of Man, 2001), 18
  10. Paul Zimansky, Urartian material culture as state assemblage, Bulletin of the American Association of Oriental Research 299, 1995, 105
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  88. Zafer Derin, Potters’ Marks of Ayanıs Citadel, Van. Anatolian Studies 49, 1999, 90
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